Neurologie und Psychiatrie » Demyelinisierende Erkrankungen » Multiple Sklerose

»

Erster Test zur Früherkennung von Multipler Sklerose entwickelt

Erster Test zur Früherkennung von Multipler Sklerose entwickelt

Aktuelles

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Multiple Sklerose

4 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Ein Forschungsteam der MedUni Wien hat einen Bluttest entwickelt, der es ermöglicht, das Risiko für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose (MS) bereits Jahre vor dem Auftreten erster Symptome mit hoher Sicherheit zu erkennen. Damit könnten diagnostische und therapeutische Maßnahmen in Zukunft so früh gesetzt werden, dass der Ausbruch der Erkrankung verzögert oder sogar verhindert werden kann. Die Forschungsarbeit wurde aktuell im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ publiziert.

Die neue Methode wurde von Forschungsteams um Elisabeth Puchhammer-Stöckl und Hannes Vietzen vom Zentrum für Virologie der MedUni Wien sowie um Thomas Bergerund Paulus Rommer von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien entwickelt. Sie basiert auf einem immunologischen Test, der spezifische Antikörper gegen ein Protein des Epstein-Barr-Virus (EBV) identifiziert. Dieses weit verbreitete Virus ist als zentraler Faktor bei der Entstehung der Multiplen Sklerose bekannt, bei fast allen MS-Fällen ist eine EBV-Infektion nachweisbar.

Konkret werden durch den Test Autoantikörper, also Antikörper gegen körpereigene Strukturen, die auf einen bestimmten Abschnitt des EBV-Proteins EBNA-1 (Epstein-Barrnuclear antigen 1) gerichtet sind, erkannt. Diese Antikörper treten bereits innerhalb von drei Jahren nach einer EBV-Infektion auf – lange bevor bei den betroffenen Personen klinische Symptome einer MS beobachtet werden. Durch die wiederholte Messung dieser Antikörperspiegel kann ein deutlich erhöhtes Risiko für eine spätere MS-Diagnose erkannt werden. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Personen, bei denen diese Antikör-per an mindestens zwei Messzeitpunkten nachweisbar sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Folgejahren eine MS entwickeln“, sagt Studienerstautor Hannes Vietzen. Die retrospektive Studie basiert auf Blutproben von über 700 MS-Patientinnen und -Patienten und mehr als5000 Kontrollpersonen. In einem Teil der Kohorte konnte sogar der Zeitpunkt der EBV- Erstinfektion eindeutig nachvollzogen werden. In dieser Gruppe zeigte sich, dass konstant hohe Antikörperspiegel mit einem sehr hohen Risiko und einer raschen Entwicklung einer MS assoziiert waren.

MS lange vor klinischen Symptomen immunologisch vorhersehbar

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit rund 2,8 Millionen Menschen betroffen sind. Ihre Entstehung ist mit immunologischen Prozessen verbunden, die u.a. durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus angestoßen werden können. Nahezu alle Menschen (90 bis 95 Prozent) infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem EBV, das dann lebenslang im Körperverbleibt. Die Infektion verläuft oft unbemerkt, kann aber auch als infektiöse Mononukleose (Pfeiffer’sches Drüsenfieber) symptomatisch werden. Bei manchen Menschenführt diese Infektion zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion, bei der sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen im Gehirn richtet.

„Unsere Studie zeigt, dass eine sehr frühe Phase der MS-Krankheitsentwicklung lange vor Auftreten von ersten Symptomen bereits immunologisch erkennbar ist“, berichtet Studienleiterin Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Leiterin des Zentrums für Virologie der MedUniWien. Andere Marker wie Neurofilament Light Chain (NfL) oder Glial Fibrillary Acidic Protein (GFAP), die Nervenzellschäden anzeigen, steigen erst später im Verlauf an. Der neue Test könnte daher ein wichtiges Werkzeug für die frühzeitige Identifikation von Personen sein, die ein hohes Risiko für die Entwicklung einer MS aufweisen. „So wäre es möglich, diese Personen so früh zu untersuchen und zu behandeln, dass der Ausbruch der MS verzögert oder vielleicht sogar verhindert werden kann“, ergänzt Co-Studienleiter Paulus Rommer. „Aufgrund unserer Ergebnisse stellen wir ein Screening von Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem MS-Risiko – etwa nach durchgemachtem Pfeiffer’schen Drüsenfieber– zur Diskussion“, blickt Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien in die Zukunft. Bevor der neue Test in die klinische Anwendung kommen kann, sind jedoch weitere Studien nötig.

Quelle: Vietzen H et al. Early Identification of Individuals at Risk for Multiple Sclerosis by Quantification of EBNA-1381-452-specific Antibody Titers. Nature Communications 2025

Bildquelle: © angellodeco – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Diagnostik der Myasthenia gravis – ein aktueller Überblick

Fachbeitrag

Die Myasthenia gravis (MG) zählt zu den häufigsten autoimmunen Erkrankungen der neuromuskulären Endplatte und stellt trotz erheblicher diagnostischer Fortschritte weiterhin eine klinische Herausforderung dar. Besonders in frühen Krankheitsstadien oder bei rein okulärer Manifestation werden die Symptome häufig anderen neurologischen, ophthalmologischen oder internistischen Erkrankungen zugeschrieben.

Neurologie und Psychiatrie

Neuromuskuläre Erkrankungen

Myasthenia gravis

Beitrag lesen

DPtV nimmt Stellung zu geplantem Suizid-Präventionsgesetz

Aktuelles

„Suizid ist bei zehn- bis unter 25-Jährigen die häufigste Todesursache. Im Durchschnitt sterben in Deutschland täglich 28 Menschen durch Suizid. Jeder zehnte bis zwölfte Mensch in Deutschland hat im Laufe seines Lebens Suizidgedanken.

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Allgemeine Aspekte

Beitrag lesen

Membrantransporter als neue Ziele im Kampf gegen neuronale Erkrankungen

Aktuelles

Sie transportieren Nährstoffe, regulieren Botenstoffe wie Serotonin oder Dopamin und beeinflussen den Energiehaushalt des Gehirns: Spezielle Transportproteine in der Zellmembran, sogenannte Solute Carrier (SLCs), erfüllen viele lebenswichtige Aufgaben. Einige von ihnen sind seit Jahrzehnten Angriffspunkte erfolgreicher Medikamente, etwa gegen Depression oder Epilepsie.

Neurologie und Psychiatrie

Forschung

Beitrag lesen