K. Skrodzki
ADHS ist die häufigste Störung von Psyche und Verhalten im Kindes- und Jugendalter und bei ca. 60 % der Betroffenen bestehen auch im Erwachsenenalter noch bedeutsame Symptome. Die Kernsymptome – Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung allein reichen für die Diagnose nicht aus. Auch die Zusatzkriterien: Dauer mehr als sechs Monate, Auftreten der Symptomatik in mehr als einem Lebensbereich und Beginn vor dem 13. Lebensjahr müssen erfüllt sein. Stets ist ein umfassendes diagnostisches Vorgehen nötig, orientiert an der Leitlinie [1], mit differentialdiagnostischer Abklärung und Erfassung assoziierter Störungen. Funktionsstörungen müssen erfasst werden, um den Schweregrad (Dimension) der Störung zu beurteilen.
Vor jeder medikamentösen Therapie stehen psychoedukative und bei Bedarf weitere nicht-medikamentöse Maßnahmen. Bei deren Versagen nach einem angemessenen Zeitraum oder bei hochakuter Krisensituation kommen Medikamente zum Einsatz. Vor jeder medikamentösen Therapie sind Eltern, ältere Kinder und Jugendliche ausführlich über die Ergebnisse der Diagnostik und über die biologischen und psychologischen Hintergründe dieser chronischen Störung aufzuklären. Ohne Aufklärung über die Auswirkungen auf den häuslichen und schulischen Alltag, ohne Forderung, Regeln, Grenzen und Strukturen im Alltag ein- und durchzuführen, wird die beste Medikation wenig Erfolg zeigen. Auch alltägliche Zeitplanung, schulischen Maßnahmen und der Umgang mit Lehrern, Helfern und Betreuern müssen besprochen und praktisch umgesetzt werden [2].
Indikation zur medikamentösen Therapie (laut Leitlinie [1])
Bei Kindern vor dem Alter von sechs Jahren soll primär psychosozial (einschließlich psychotherapeutisch) interveniert werden. Eine Pharmakotherapie der ADHS-Symptomatik soll nicht vor dem Alter von vier Jahren angeboten werden. Bei ADHS von einem leichten Schweregrad soll primär psychosozial (einschließlich psychotherapeutisch) interveniert werden. In Einzelfällen kann bei behandlungsbedürftiger residualer ADHS-Symptomatik ergänzend eine Pharmakotherapie angeboten werden. Eine Pharmakotherapie im Vorschulalter (vier bis sechs Jahre) sollte nur durch einen Arzt mit besonderen Kenntnissen von Verhaltensstörungen in dieser Altersgruppe durchgeführt werden. Trotzdem sind die Auswirkungen einer Pharmakotherapie im Vorschulalter aufgrund der aktuellen Studienlage für die Hirnentwicklung eher günstig zu beurteilen.





