Weitere geplante Änderungen im GKV-Beitragssatz Stabilisierungsgesetz gefährden eine evidenzbasierte psychotherapeutische Versorgung, die Ausbildung zukünftiger Psychotherapeuten und damit eine zentrale Säule der wissenschaftlichen Psychologie. Angesichts zunehmender psychischer Belastungen in Zeiten multipler Krisen braucht es eine Stärkung psychischer Gesundheit, nicht den Abbau bewährter Versorgungsstrukturen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie appelliert daher, wissenschaftlich fundierte Psychotherapie langfristig zu sichern und verlässliche Perspektiven für Patientinnen und Patienten, psychotherapeutische Versorgung und die nächste Generation von Psychotherapeutinnen zu schaffen.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) betrachtet die kurzfristig eingebrachten Änderungsanträge zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz mit großer Sorge. Die neue geplante Streichung gesetzlicher Regelungen zur Sicherstellung einer angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ist aus Sicht der wissenschaftlichen Psychologie kein rein vergütungsrechtlicher Eingriff, sondern gefährdet langfristig die Qualität, Stabilität und Zukunftsfähigkeit der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland.
Die geplanten Änderungen gefährden dabei nicht nur die psychotherapeutische Versorgung, sondern reichen weit darüber hinaus: Sie werden die Zukunft der Psychologie als Wissenschafts- und Anwendungsfach betreffen. Psychotherapeutische Versorgung, Forschung und Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind untrennbar miteinander verbunden. Werden Versorgungsstrukturen geschwächt, geraten auch jene wissenschaftlichen und praktischen Lernorte unter Druck, an denen neue Erkenntnisse entstehen, innovative Behandlungskonzepte entwickelt und zukünftige Generationen von Psychologinnen und Psychologen qualifiziert werden.
Gerade in einer Zeit multipler gesellschaftlicher Krisen – geprägt durch zunehmende psychische Belastungen, demografische Veränderungen, digitale Transformation und globale Unsicherheiten – braucht es eine starke Psychologie, die wissenschaftlich fundierte Antworten entwickelt und in die Gesellschaft trägt.
Psychische Erkrankungen gehören zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wissenschaftlich fundierte Psychotherapie ist eine wirksame Behandlung, die Leid reduziert, gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und langfristige Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialsystem verringern kann. Gerade angesichts steigender psychischer Belastungen und weiterhin bestehender Versorgungsengpässe braucht es eine Stärkung – nicht Schwächung – psychotherapeutischer Angebote.
Die vorgesehenen Änderungen drohen jedoch, bestehende Versorgungsstrukturen erheblich zu destabilisieren. Psychotherapie unterscheidet sich von vielen anderen medizinischen Leistungen dadurch, dass sie wesentlich zeitgebunden ist: Qualität entsteht durch qualifizierte therapeutische Arbeit, Beziehungsgestaltung und evidenzbasierte Interventionen im direkten Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Die bisherige gesetzliche Berücksichtigung dieser Besonderheiten ist daher eine Voraussetzung für eine angemessene und qualitativ hochwertige Versorgung.
Aus Sicht der DGPs sind darüber hinaus die Auswirkungen auf die Zukunft der Psychologie besonders besorgniserregend. Deutschland hat mit der Reform des Psychotherapeutengesetzes einen anspruchsvollen akademischen Qualifizierungsweg geschaffen, der wissenschaftlich fundierte Expertise in der Versorgung sicherstellt. Eine strukturelle Schwächung der beruflichen Perspektiven gefährdet die Gewinnung dringend benötigter zukünftiger Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und damit die qualitativ hochwertige Versorgungssicherheit.
„Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen und multipler Krisen weiter wächst, während gleichzeitig Rahmenbedingungen geschaffen werden könnten, die diese Versorgung langfristig schwächen. Wer psychische Gesundheit stärken und gesellschaftliche Resilienz fördern will, muss auch diejenigen Strukturen sichern, die wissenschaftlich fundierte Hilfe ermöglichen“, betont DGPs-Präsidentin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier.
„Die junge Generation von Psychologinnen und Psychologen ist hoch motiviert, Verantwortung für die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft zu übernehmen. Dafür braucht sie jedoch verlässliche Perspektiven. Wer heute die Rahmenbedingungen der Psychotherapie schwächt, gefährdet nicht nur die aktuelle Versorgung, sondern auch die Gewinnung und Ausbildung der dringend benötigten Fachkräfte von morgen“, betont Dr. Matthias Sperl, Vertreter der Jungmitglieder im Vorstand der DGPs.
Die DGPs appelliert daher eindringlich an die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger, die vorgesehenen Änderungen zurückzunehmen und stattdessen gemeinsam mit Wissenschaft, Versorgung und Berufsvertretungen nachhaltige Lösungen für eine zukunftsfähige psychotherapeutische Versorgung zu entwickeln.
Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier
Präsidentin der DGPs
Mitglied im Wissenschaftsrat (WR)
Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie (KLIPs)
Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP)
Universität Greifswald
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die rund 6000 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag. Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs eine Expertendatenbank für unterschiedliche Fragestellungen zur Verfügung. Weitere Infos: www.dgps.de





