Interview mit Dr. med. Ulf Künstler
Schizophrenie zählt zu den komplexesten und folgenreichsten psychischen Erkrankungen – und bleibt trotz jahrzehntelanger Forschung in vielen Aspekten wissenschaftlich wie klinisch herausfordernd. Ob Ursachenforschung, Früherkennung, Pharmakotherapie oder die Einbindung der Patientinnen und Patienten in den Behandlungsprozess: Das Fachgebiet befindet sich im Wandel. Neue Therapieansätze eröffnen Hoffnung, während gleichzeitig zentrale Fragen zur Pathogenese und zur optimalen Versorgung weiterhin offen sind. Wir haben mit Dr. med. Ulf Künstler, Chefarzt und Facharzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Asklepios Westklinikum Hamburg, gesprochen und ihn gefragt, wo die Psychiatrie heute steht – und wohin der Weg führt.
Wenn wir zum Einstieg auf die Entstehung der Schizophrenie blicken: Was wissen wir heute über die wesentlichen Ursachen- und Risikofaktoren – und was noch nicht?
Dr. Ulf Künstler: Neben genetischen Merkmalen (aktuell mehr als 100 Risikogene, welche Entwicklungs- und Regulationsprozesse des Gehirns beeinflussen) spielen entwicklungs- und umgebungsbedingte Faktoren wie z. B. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, Mangelernährung, Drogenkonsum oder Virusinfektionen der Mutter, frühkindliche Traumata sowie psychosoziale Faktoren bzw. Stressoren eine Rolle für Disposition und Manifestation einer Schizophrenie. Unklar bleibt weiterhin, ob Schizophrenie ein nosologisch einheitliches Krankheitsbild bezeichnet.
Welche frühen Warnzeichen oder Prodromalsymptome halten Sie in der klinischen Praxis für besonders relevant und welche Möglichkeiten gibt es für eine frühe Intervention?
Dr. Ulf Künstler: Der Übergang in eine schizophrene Psychose kann heute nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden, da die häufigsten Prodromalsymptome unspezifisch sind. Am häufigsten werden Nervosität, Depressivität, Ängste, Energielosigkeit, Selbstzweifel, Leistungseinbruch und sozialer Rückzug angegeben. Auch selbst erlebte kognitiven Defizite (wie z. B. Gedankeninterferenzen, Perseverieren von Gedanken, Gedankendrängen, gestörte Diskrimination von Vorstellung und Wahrnehmung, Derealisationserleben, optische und akustische Wahrnehmungsstörungen) gehören dazu. Frühe Interventionen sind psychoedukative und kognitiv verhaltenstherapeutische Verfahren, Stressmanagement, Problemlösetraining oder familienbezogene Interventionen. Psychotrope Substanzen sollen vermieden werden. Beim Auftreten von floriden psychotischen Symptomen sollte der Einsatz von niedrig dosierten Antipsychotika erwogen werden, um die Dauer der unbehandelten Psychose (DUP) so kurz wie möglich zu halten, da diese einen hohen prädiktiven Wert für den weiteren Krankheitsverlauf hat.
Wo sehen Sie derzeit die größten Fortschritte in der pharmakologischen Behandlung – und bei welchen Problemen besteht weiterhin der größte ungedeckte Bedarf?





