Paediatrie » Endokrinologie und Stoffwechsel » Gastrointestinaltrakt und Ernährung

»

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: G-BA empfiehlt STARKIDS-Programm

Mädchen mit Adipositas isst Apfel statt Burger

Quelle: © Pixel-Shot – stock.adobe.com

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: G-BA empfiehlt STARKIDS-Programm

Aktuelles

Paediatrie

Endokrinologie und Stoffwechsel

Gastrointestinaltrakt und Ernährung

mgb medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: pädiatrische praxis

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) empfiehlt, zentrale Elemente des STARKIDS-Programms für Kinder und Jugendliche mit Adipositas in die Regelversorgung zu überführen. Grundlage sind die Ergebnisse der STARKIDS-Studie, die in The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht wurden.

Das Programm

STARKIDS steht für „Stufenmodell Adipositasprävention und -therapie im Kindes- und Jugendalter“. Das e-Health-gestützte Programm wurde multiprofessionell entwickelt. Es richtet sich an betroffene Familien und setzt in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Medien und Familienleben an und soll eine gesunde Gewichtsentwicklung der Kinder und Jugendlichen ermöglichen.
Zu den Bestandteilen gehören fünf Schulungstermine in der Kinder- und Jugendarztpraxis. Dort vereinbaren Teilnehmende gemeinsam mit dem Fachpersonal individuelle Ziele für ihre Familie. Ergänzend stand ein Onlineportal zur Verfügung. Es bietet Informationen, Lernangebote, Filme, interaktive Übungen und Lernspiele (serious Games).

„Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas geht es nicht allein um das Gewicht. Entscheidend ist, die gesamte Lebenssituation der Kinder und ihrer Familien zu berücksichtigen und Veränderungen gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. STARKIDS setzt genau hier an. Damit solche Angebote langfristig wirken können, müssen sie frühzeitig erreichbar sein und Familien kontinuierlich begleiten.“

Prof. Dr. Martin Wabitsch, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft

Die STARKIDS-Studie

In einer kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit des STARKIDS-Programms untersucht. An der Auswertung nahmen 559 Kinder und Jugendliche teil. 343 erhielten das STARKIDS-Programm. 216 erhielten eine einmalige Beratung im Rahmen einer optimierten Regelversorgung.
Die Studie wurde im Rahmen eines vom Innovationsfonds des G-BA geförderten Projekts durchgeführt. Beteiligt waren Wissenschaft, medizinische Versorgung, der öffentliche Gesundheitsdienst und die AOK Baden-Württemberg. Koordiniert wurde das Projekt von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Die Studienleitung hatten Prof. Dr. Florian Junne (Universitätsmedizin Magdeburg) und apl. Prof. Dr. Stefan Ehehalt (Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart).

„Mit STARKIDS haben wir in Tübingen gemeinsam mit unseren Projektpartnern einen Ansatz entwickelt und wissenschaftlich untersucht, der Familien im Alltag unterstützt und sich in die bestehenden Strukturen der Kinder- und Jugendarztpraxen integrieren lässt. Für uns war entscheidend, nicht nur Wissen über Ernährung, Bewegung und Familienleben zu vermitteln, sondern Familien dabei zu begleiten, Veränderungen Schritt für Schritt umzusetzen. Die Erfahrungen aus der Studie zeigen zugleich, wie wichtig es ist, solche Unterstützungsangebote langfristig und niedrigschwellig verfügbar zu machen.“

Dr. Katrin Ziser, Erstautorin der Studie und Projektkoordinatorin STARKIDS an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen

Ergebnisse

Nach zwölf Monaten, dem Ende der STARKIDS-Intervention, zeigten 33 % der Kinder und Jugendlichen in der STARKIDS-Gruppe eine klinisch relevante Verbesserung ihres Gewichtsverlaufs. In der Vergleichsgruppe mit optimierter Regelversorgung waren es 22 %.
In der Nachbeobachtung nach 18 Monaten lag dieser Anteil bei 29 % in der STARKIDS-Gruppe und bei 27 % in der Vergleichsgruppe. Der Unterschied zwischen den Gruppen war nicht signifikant. In beiden Gruppen zeigten sich Gewichtsverbesserungen – dies ist besonders bedeutsam im Kontext der COVID-19-Pandemie, in der die Raten für Übergewicht und Adipositas bei Kindern deutlich anstiegen.
Modellrechnungen des Studienteams deuten darauf hin, dass innerhalb von zehn Jahren für jeden investierten Euro knapp zwei Euro an gesellschaftlichem Nutzen durch geringere Folgekosten entstehen könnten.

Empfehlungen

Der Innovationsausschuss beim G-BA empfiehlt, zentrale Elemente des STARKIDS-Programms, insbesondere die Schulungen in Kinder- und Jugendarztpraxen, in die Regelversorgung zu überführen. Die Ergebnisse sollen zudem bei der Weiterentwicklung medizinischer Leitlinien berücksichtigt und an Fachgesellschaften, Krankenkassen und weitere Institutionen weitergegeben werden.
Bundesweit könnten rund eine Million Kinder und Jugendliche von dem Programm profitieren.

„Für Kinder und Jugendliche mit Adipositas stehen in Deutschland in der Fläche bisher viel zu wenige leitliniengerechte Therapieangebote zur Verfügung. Das STARKIDS-Programm bietet hierfür einen wirkungsvollen Lösungsansatz.“

apl. Prof. Dr. Stefan Ehehalt, Projektleitung und Leiter des Gesundheitsamts Stuttgart

Projektpartner: Universitätsklinikum Tübingen, Universitätsmedizin Magdeburg, Eberhard Karls Universität Tübingen, Gesundheitsamt Stuttgart, Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg, Landesgesundheitsamt, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, AOK Baden-Württemberg, DATA MEDICO GmbH Heidelberg

Originalpublikation: Ziser K, Erschens R, Zipfel S, Martus P, Jacoby J, Herschbach A, et al. Effects of an e-health enhanced multicomponent outpatient intervention for children and adolescents with overweight or obesity in routine primary care (STARKIDS): a cluster-randomized controlled trial. Lancet Reg Health Eur 2026; 71: 101897. DOI: https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101897

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Tübingen vom 27.10.2026

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Mutter füttert Baby mit dem Löffel

Geruch, Geschmack und Prägung in der kindlichen Entwicklung

Fachbeitrag

Geschmacks- und Geruchsempfindungen entstehen bereits vor der Geburt. Fruchtwasser, Muttermilch und Beikost prägen die sensorische Entwicklung bei Kindern. Wiederholte Exposition ohne Druck, gemeinsame Mahlzeiten und positives Modelllernen fördern die Akzeptanz vielfältiger Lebensmittel.

Paediatrie

Neuropädiatrie

Sozialpädiatrie und Entwicklung

Beitrag lesen
Holzwürfel mit den Buchstaben „RSV“ und einem Stethoskop im Hintergrund

Säuglinge müssen nicht mehr durch RSV schwer erkranken

Aus der Industrie

In vielen Ländern wird die maternale RSV-Impfung bereits seit längerem erfolgreich durchgeführt. In Deutschland wird die Impfung unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zur Prävention empfohlen.

Paediatrie

Neonatologie und Intensivmedizin

Neonatologie

Beitrag lesen
Illustration von Forschenden in einem Wissenschaftslabor, die DANN untersuchen.

Genetische Therapien in der Kinder- und Jugendmedizin

Fachbeitrag

Genetische Therapien haben den Sprung von der Vision in die klinische Praxis geschafft und verändern die Behandlung seltener Erkrankungen. Doch nicht jede genetische Erkrankung ist gentherapeutisch behandelbar. Dieser Beitrag zeigt, welche Therapieansätze zur Verfügung stehen, wann eine Erkrankung potenziell mit einer genetischen Therapie behandelbar ist und wie heutzutage auch einzelne Betroffene eine maßgeschneiderte Therapie erhalten können.

Paediatrie

Sonstiges

Weitere Themen

Beitrag lesen