E-Paper

Paediatrie » Neuropädiatrie » Sozialpädiatrie und Entwicklung

»

Studie: Social Media und Selbstverletzungsdrang bei Jugendlichen

Teenager Mädchen blickt auf sein Smartphone

Studie: Social Media und Selbstverletzungsdrang bei Jugendlichen

Aktuelles

Paediatrie

Neuropädiatrie

Sozialpädiatrie und Entwicklung

mgb medizin Redaktion

Verlag

3 MIN

Erschienen in: pädiatrische praxis

Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien untersuchte, wie Jugendliche mit und ohne Vorgeschichte von selbstverletzendem Verhalten auf Bilder und Texte reagieren, die sich mit Selbstverletzung befassen.

Jugendliche mit einer Vorgeschichte von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV) weisen eine erhöhte Aufmerksamkeit für Bilder von Selbstverletzungen in sozialen Medien auf – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Medizinischen Universität Wien. Diese Aufmerksamkeitsverzerrung – das verstärkte und schnellere Fixieren solcher Inhalte – erhöht den Drang, sich selbst zu verletzen. Die Erkenntnisse unterstreichen die Dringlichkeit, Präventions- und Interventionsmaßnahmen zu verstärken, um potenzielle Risiken sozialer Medien für gefährdete Jugendliche zu minimieren. Die Studie wurde im Journal JAMA Network Open veröffentlicht.

Jugendliche mit NSSV-Erfahrungen reagieren stärker

In der Untersuchung einer Forschungsgruppe an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien wurden Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren mit und ohne NSSV-Erfahrungen analysiert. Dabei setzten die Forschenden Eye-Tracking-Technologie ein, um die Blickrichtung und Dauer der Fixierungen auf unterschiedliche visuelle Stimuli zu messen. Zusätzlich kam ein Dot-Probe-Task zum Einsatz, der Reaktionszeiten auf NSSV-Bilder gegenüber neutralen Bildern erfasst. Die Ergebnisse zeigen klar, dass Jugendliche mit NSSV-Erfahrungen deutlich stärker auf Selbstverletzungsbilder reagieren als auf neutrale Inhalte, und Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit von diesen abzuwenden.

Verstärkte Reaktion auf Bilder, jedoch nicht auf Texte

Ein bemerkenswerter Aspekt der Ergebnisse ist, dass die verstärkte Aufmerksamkeit und der erhöhte Drang zur Selbstverletzung zwar bei Bildern auftreten, jedoch nicht bei Texten, die sich mit Selbstverletzung befassen. Die Kontrollgruppe ohne NSSV-Vorgeschichte zeigte dagegen keine vergleichbare Reaktion auf die NSSV-Bilder, was darauf hindeutet, dass diese Inhalte für Jugendliche ohne entsprechende Vorerfahrung weniger problematisch sind.

»Unsere Studie zeigt, dass visuelle Inhalte in sozialen Medien erheblich zur Verstärkung des Selbstverletzungsdrangs beitragen können, insbesondere bei bereits gefährdeten Jugendlichen«, erklärt Erstautor Andreas Goreis von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien. »Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Jugendliche besser auf den Umgang mit solchen Bildern vorzubereiten und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihre emotionale Regulation zu verbessern und sich von belastenden Reizen zu distanzieren«, ergänzt Studienleiter Oswald Kothgassner.

Die Studie legt nahe, dass physiologische Stressreaktionen wie Herzfrequenz oder Hautleitfähigkeit zwar keine signifikanten Unterschiede bei der Konfrontation mit den Bildern zeigen, doch psychisch können die Effekte belastend sein. Fachleute und Behandelnde sollten daher in Bezug auf die potenziellen Trigger durch solche Bilder aufmerksam sein und dieses Thema aktiv im Dialog mit Betroffenen aufgreifen.

Mit den gewonnenen Erkenntnissen leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Mechanismen, wie visuelle Inhalte in sozialen Medien Jugendliche mit NSSV beeinflussen können. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen Maßnahmen zur Verbesserung emotionaler Regulationsfähigkeiten und Sensibilisierungsprogramme, um den Risiken dieser Medieninhalte präventiv entgegenzuwirken.

Quelle: Medizinische Universität Wien, (Presseaussendung, 25.11.2024)

Originalpublikation: Goreis A, Pfeffer B, Hajek Gross C, Klinger D, Oehlke SM, Zesch H, Claes L, Plener PL, Kothgassner OD. Attentional Biases and Nonsuicidal Self-Injury Urges in Adolescents. JAMA Netw Open 2024; 7: e2422892. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.22892.
Link: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2821338

Bilderquelle: © Stock Rocket – stock.adobe.com; Symbolbild

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Mutter und Tochter werden von einer Kinderärztin beraten

G-BA führt neue U10 für Kinder von 9 bis 10 Jahren ein

Aktuelles

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Inhalte für eine neue U-Untersuchung für Kinder im Alter von 9 bis 10 Jahren beschlossen. Die neue U10 soll künftig die bisherige zeitliche Lücke zwischen der U9 um den fünften Geburtstag und der J1 im Alter von 12 bis 14 Jahren schließen.

Paediatrie

Allgemeinpädiatrie

Beitrag lesen
Mutter cremt Gesicht eines Kleinkinds mit Sonnencreme ein

Diese Umwelteinflüsse schädigen die Kindergesundheit

Aktuelles

Die Folgen des Klimawandels wirken sich auf die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern aus. Die Haut ist einerseits Schutzschild, leidet andererseits aber besonders unter bestimmten Umwelteinflüssen. Kinderärztinnen und -ärzte sind aktuell aufgerufen, unter diesem Aspekt ihre Erfahrungen in einer Umfrage zur Nutzung von Pflegecremes in der pädiatrischen Versorgung einfließen zu lassen.

Paediatrie

Allgemeinpädiatrie

Beitrag lesen
Jugendlicher mit Mund-Nasen-Schutzmaske wird geimpft

Myokarditis – seltene, schwere Impfnebenwirkung?

Fachbeitrag

Myokarditis nach mRNA-SARS-CoV-2-Impfung im Kindesalter ist selten und betrifft vor allem männliche Jugendliche. Dieser Beitrag erläutert Evidenzlage und Ergebnisse des MYKKE-Registers (PedMYCVAC).

Paediatrie

Kardiologie

Beitrag lesen