Ob und unter welchen Bedingungen man bei verschiedenen Tumorentitäten weniger als alle zur Verfügung stehenden Diagnostik- oder Therapieoptionen anwenden kann, war die Hauptfrage der Session „Weniger ist mehr – wann können wir sinnvoll in der Tumordiagnostik und -therapie eskalieren?“.
Zunächst referierte Dr. Niklas Weshoff, Mannheim, zum low-grade nicht muskelinvasiven Blasenkarzinom (NMIBC). Hier erschienen bei ausgewählten low-risk-Patienten Alternativstrategien, wie Active Surveillance, Fulguration//Laservaporisation und Chemoablation, zur TUR-B durchaus möglich. Diese Verfahren seien onkologisch nicht nachrangig und könnten eine geringere Komplikationsrate, eine geringere Morbidität sowie eine bessere Lebensqualität aufweisen, und das bei niedrigeren Kosten, so Westhoff. Da die bisherige Evidenz jedoch gering und heterogen sei, seien unbedingt größer angelegte Studien notwendig.
Dr. Rouvier Al-Monajjed, Düsseldorf, befasste sich in seinen Ausführungen mit der richtigen Indikationsstellung der Prostatabiopsie. So berge die Verschiebung des PSA-Grenzwertes hin zu einem Wert von 3,0 ng/ml das Risiko für eine Überdiagnostik. Wichtig sei eine individualisierte Diagnostik mit sicheren Qualitätsstandards in der mpMRT oder bei erfahrenen Radiologen in der bpMRT, erklärte Al-Monajjed. Diese Qualitätsinitiativen würden dafür sorgen, dass mehr signifikante Karzinome detektiert, Ressourcen geschont und weniger unnötige Biopsien durchgeführt würden.
Hilft viel auch viel?
Der Frage, ob die Triple-Therapie für alle mHSPC-Patienten ratsam bzw. bei wem die Doublette ausreichend sei, widmete sich Prof. Martin Bögemann, Münster. Er kam zu dem Schluss, dass der Einsatz bereits zugelassener und auch neuer möglicher Triple-Therapien vor allem bei denjenigen infrage komme, bei denen eine entsprechende Testung auf BRCA (HRRmut), PTENloss oder auch eine PSMA-PET-CT positiv ausgefallen sei. Diese Patienten könnten von der jeweiligen Triple-Therapie profitieren, für alle anderen seien die Doubletten in der Regel ausreichend und wirksam.
Laut Prof. Dr. Dr. Axel Heidenreich, Köln, ist die primäre, nervschonende retroperitoneale Lymphadenektomie (nsRPLA) beim markernegativen Keimzelltumor im Stadium IIA/B machbar mit geringer Morbidität und hoher onkologischer Effektivität. In 10 bis 30 % würden eine unnötige Chemotherapie und in 80 % eine systemische Übertherapie vermieden, so Heidenreich. Voraussetzung sei ein erfahrener Operateur in einem ebenso erfahrenen Zentrum.
Manchmal reicht Beobachten
Zum Abschluss der Sitzung ging PD Dr. Niklas Klümper, Bonn, auf die Möglichkeit der Active Surveillance (AS) eines kleinen Nierenkarzinoms auch bei jungen Patienten ein. Demnach seien kleine Nierentumore (small renal masses, SRM) häufig indolent. 15 bis 30 % seien benigne, das Wachstum betrage ~0,1 cm/Jar und die RCC-spezifische Mortalität läge unter AS bei <1%, machte Klümper deutlich. Gemäß der neuen EAU-Leitlinie sollten die AS für cT1a-Patienten „ohne Indikation zur sofortigen Therapie“ angeboten, Limitationen der Evidenz aber aktiv besprochen werden. Es bestünde kein Altersausschluss. Laut Klümper sei die AS auch bei Patienten ≤60 Jahren sicher, das CSS (Cancer-Specific Survival) läge bei 100%, unter der Überwachung gebe es keine Metastasen und eine verzögerte OP habe keinen Nachteil. Voraussetzungen seien allerdings die Biopsie, ein detailliertes Protokoll, klare Trigger und eine ehrliche Crossover-Aufklärung. Zudem bliebe die Teilresektion die Referenz und der mögliche „Exit“ jeder AS, so Klümpers Fazit.
Quelle: Forum „Weniger ist mehr – wann können wir sinnvoll in der Tumordiagnostik und -therapie eskalieren?“ anlässlich des 78. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), Düsseldorf, 17. September 2026





