Allgemeinmedizin

»

Prävention braucht Evidenz – und bessere Lebensbedingungen

Symbolbild Prävention

Quelle: GalleryVisualLab-stock.adobe.com

Prävention braucht Evidenz – und bessere Lebensbedingungen

Berufspolitik

Allgemeinmedizin

mgb medizin Redaktion

Verlag

3 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Nicht mehr Screenings, sondern wirksame Prävention: Die DEGAM fordert, Maßnahmen konsequent an Evidenz und individuellem Risiko auszurichten – und zugleich die Lebensverhältnisse politisch gesundheitsförderlich zu gestalten.

Prävention soll Erkrankungen verhindern, früh erkennen oder Folgen mindern – dafür muss ihr Nutzen belegt sein. Die DEGAM unterstützt den Wissenschaftsrat: Präventionsstrategien sollen verbindlich und konsequent evidenzbasiert, wirksam und am individuellen Risiko orientiert sein, statt möglichst viele Untersuchungen anzubieten.

Vorsorgeangebote kritisch prüfen

Viele Vorsorgeuntersuchungen werden angeboten, ohne dass ein gesundheitlicher Nutzen ausreichend belegt ist. Das betrifft IGeL und Kassenleistungen, darunter Laboruntersuchungen ohne klare Indikation sowie Ultraschall von Halsschlagadern, Leber, Schilddrüse oder Eierstöcken bei Beschwerdefreien. Auch beim Hautkrebsscreening für alle werden mehr verdächtige Läsionen entdeckt und entfernt, ein Rückgang der Sterblichkeit ist jedoch nicht nachgewiesen. Versprechen einer deutlichen Lebensverlängerung sind daher nicht gerechtfertigt.

Wenn Diagnostik belastet statt nützt

Mehr Diagnostik ist nicht automatisch besser. Zufalls- oder Überdiagnosen können Ängste und Verunsicherung auslösen, obwohl ein entdecktes Frühstadium nicht zwingend krankheitsrelevant ist. Häufig folgen weitere Untersuchungen und Eingriffe, die selbst Komplikationen verursachen können. So entstehen Belastungen für Patientinnen und Patienten und zusätzliche Kosten, ohne gesicherten gesundheitlichen Gewinn. Werden Angebote pauschal nach Altersgrenzen statt gezielt nach Erkrankungsrisiko gemacht, sinkt zudem ihr möglicher Nutzen. Sie binden ärztliche Zeit und Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Deshalb sollen Nutzen und mögliche Schäden jeder Präventionsleistung vor ihrer Einführung und anschließend regelmäßig bewertet werden. Maßnahmen ohne belegten Nutzen oder mit ungünstigem Nutzen-Schaden-Verhältnis müssen zurückgenommen werden.

Gesundheit entsteht auch außerhalb der Praxis

Gesundheit entsteht nicht allein in der Praxis: Bildung, Einkommen, Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie Mobilität prägen Risiken. Die DEGAM nennt als zentrale Ansatzpunkte eine gesundheitsförderliche Ernährungspolitik, wirksame Maßnahmen gegen Tabak- und Alkoholkonsum sowie bewegungsfreundliche öffentliche Räume. Individuelle Verhaltensprävention soll mit Verhältnisprävention zusammenspielen: Gesunde Entscheidungen müssen im Alltag leichter werden, Risiken für alle sinken.

Prävention als politische Querschnittsaufgabe

Die DEGAM fordert ein verbindliches „Health in All Policies“-Prinzip: Politische Entscheidungen sollen systematisch auf gesundheitliche Folgen geprüft werden. Verhältnisprävention und der Abbau sozialer Ungleichheit sollen stärker in den Fokus rücken. Ressourcen gehören dorthin, wo sie den größten Nutzen erwarten lassen. Präventionsforschung, die Umsetzung wirksamer Maßnahmen und deren laufende Evaluation benötigen mehr Unterstützung.

Was das für die hausärztliche Beratung bedeutet

Für Hausärztinnen und Hausärzte heißt das: Präventionsangebote kritisch und evidenzbasiert beraten. Maßgeblich sind belegter Nutzen, mögliche Schäden und das individuelle Risiko – nicht allein die Verfügbarkeit oder das Etikett „Vorsorge“. Die DEGAM versteht Prävention als gemeinsame Aufgabe von Versorgung, Forschung und Politik.

Quelle: DEGAM

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Migräne-Therapie

Migräne-Therapie unter Rabattvertrag-Druck

Kongress

Fachgesellschaft warnt vor Versorgungslücken: Neue Regeln könnten bestimmen, welche Migränetherapie Betroffene erhalten, je nach Krankenkasse. Lars Neeb fordert Korrekturen am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz.

Allgemeinmedizin

Schmerz

Beitrag lesen
Opioide

Opioide: Neue S3-Leitlinie setzt auf kritische Indikationsstellung

Kongress

Die aktualisierte Leitlinie zur Langzeittherapie mit Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen betont sorgfältige Indikation, enge Begleitung und klare Nichtindikationen.

Allgemeinmedizin, Unkategorisiert

Schmerz

Beitrag lesen
Kopfschmerz, Migräne

Migräne: Wie viel Präzisionsmedizin ist heute möglich?

Kongress

Neue Wirkstoffe verbessern die Behandlung. Biomarker sind jedoch noch nicht so weit, dass sie die passende Therapie vorhersagen. Kopfschmerzexperte Robert Fleischmann ordnet ein, was heute möglich ist und was fehlt.

Allgemeinmedizin

Schmerz

Beitrag lesen