Ein Teufelskreis, der sich durchbrechen lässt: Anke Diezemann-Prößdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz erklärt, warum Schmerz und Schlafstörungen einander verstärken und wie sich das ändern lässt.
Schlaf ist weit mehr als Erholung. Er unterstützt Lernen, Immunsystem, Zellreparatur und Hormonregulation. Bei chronischen Schmerzen gerät dieser Prozess häufig aus dem Takt: Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen leiden deutlich häufiger unter Schlafstörungen, die Prävalenz liegt zwischen 75 und 95 Prozent.
Schlaf als aktiver notwendiger Prozess
Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Anke Diezemann-Prößdorf, Leitende Psychotherapeutin in der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie am Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz, beschreibt die Grundlage: „Schlaf ist eine Funktion des Gehirns und dient dem Gehirn. Er ist ein aktiver, lebensnotwendiger Prozess, der nahezu alle Körpersysteme beeinflusst.“
Schlafmangel senkt Schmerzschwelle
Schlafmangel wiederum senkt die Schmerzschwelle. Experimentelle Studien zeigen nach Schlafentzug eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. „Patientinnen und Patienten beklagen vor allem den Einfluss der Schmerzen auf ihre Schlafqualität“, so Diezemann-Prößdorf. „Sie finden keine bequeme Lage, wachen durch die Schmerzen auf oder leiden zusätzlich am Restless-Legs-Syndrom.“
Nicht allein der Schmerz entscheidet über den Schlaf. „Kognitive Erregung, Katastrophisieren und Stimmung sind bessere Prädiktoren der Schlafqualität als die Schmerzen selbst“, erklärt die Expertin. Grübeln, Zukunftsängste und Depressionen spielen eine große Rolle, ebenso Alkohol, Medikamente oder ein zu warmes Schlafzimmer.
Kognitive Verhaltenstherapie an erster Stelle
Als wirksamste Behandlung nennen die Leitlinien die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie. Sie umfasst Schlafedukation, Schlafhygiene, Schlafrestriktion, Stimuluskontrolle, Entspannung und den Umgang mit Grübelgedanken. Ergänzend können Wärme, Massagen, gezielte Lagerung und Dehnungen helfen. „Wichtig ist vor allem die Behandlung von Komorbiditäten wie Angststörungen und Depressionen“, betont Diezemann-Prößdorf.
Von einer Schlafstörung spricht man, wenn nicht erholsamer Schlaf das Leitsymptom ist, typischerweise dreimal pro Woche über mindestens einen Monat (ICD-10) beziehungsweise drei Monate (ICD-11). Betroffene sollten dies ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen.
Quelle: Deutscher Schmerzkongress, 21. bis 24. Oktober in Mannheim





