Eine Auswertung von zwei deutschen Kohorten zeigt: Verschiedene gesundheitsorientierte Ernährungsweisen sind mit einem langsameren epigenetischen Altern verbunden. Für die Praxis spricht dies gegen ein starres Diätmodell und für eine individuell umsetzbare Ernährungsqualität.
Menschen mit Diabetes erhalten häufig Empfehlungen zu mediterraner, pflanzenbetonter oder DASH-orientierter Ernährung. Die aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) liefert hierzu eine wichtige Ergänzung: Nicht ein einzelnes Ernährungsmuster erwies sich als eindeutig überlegen. Entscheidend war vielmehr, wie gesund die Ernährung insgesamt war. Die Ergebnisse sind für die diabetologische Beratung interessant, sollten aber wegen des beobachtenden Studiendesigns nicht als Beleg für eine direkte Verbesserung der Stoffwechselkontrolle interpretiert werden.
Mehrere gesunde Ernährungsweisen mit ähnlichen biologischen Signalen
Die Forschenden untersuchten Daten von 6.470 Teilnehmenden der Rheinland Studie. Die Ergebnisse wurden mit Daten von rund 1.000 Personen aus der EPIC-Potsdam-Studie überprüft. Erfasst wurden zehn Ernährungsqualitäts-Scores, darunter mediterrane, nordische, DASH-, MIND- und pflanzenbasierte Ernährung sowie der AHEI-2010- und der EAT-Lancet-Score.
Als Marker für das biologische Altern dienten drei sogenannte epigenetische Uhren. Sie basieren auf DNA-Methylierungsmustern, also chemischen Markierungen an der Erbsubstanz, die mit der Genaktivität und altersabhängigen biologischen Prozessen zusammenhängen. Insgesamt wurden rund 850.000 DNA-Stellen analysiert.
Eine höhere Ausprägung gesundheitsorientierter Ernährungsmuster war überwiegend mit niedrigeren Werten der epigenetischen Alterungsmarker verbunden. Besonders konsistent zeigten sich die Zusammenhänge für die DASH- und die nordische Ernährung. Für die Geschwindigkeit des biologischen Alterns, gemessen mit DunedinPACE, waren nach Korrektur für multiples Testen alle zehn Ernährungsscores statistisch signifikant assoziiert. Die Effektstärken waren allerdings eher klein. Die Originalarbeit bewertet die Ergebnisse deshalb als messbar, aber nicht als Hinweis auf eine einzelne überlegene Diät.
Bemerkenswert war zudem, dass nur wenige Personen gleichzeitig zu den Ernährungsgruppen mit der höchsten Übereinstimmung für mehrere Scores gehörten. Eine Person konnte sich nach einem Ernährungsschema sehr gesund, nach einem anderen jedoch nur durchschnittlich ernähren. Das unterstreicht, dass „gesunde Ernährung“ je nach Bewertungsmaßstab unterschiedlich definiert wird.
Bedeutung für die Ernährungsberatung bei Diabetes
Für Behandelnde ergibt sich daraus vor allem eine pragmatische Botschaft: Mediterrane, DASH-orientierte, nordische oder überwiegend pflanzenbasierte Konzepte können als unterschiedliche Rahmen dienen. Die Auswahl sollte sich an kulturellen Vorlieben, finanziellen Möglichkeiten, Alltag, Komorbiditäten und individuellen Therapiezielen orientieren.
Im Mittelpunkt sollten gemeinsame Qualitätsmerkmale stehen: ein hoher Anteil an Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Vollkornprodukten und Nüssen, bevorzugt ungesättigte Fette sowie eine möglichst geringe Aufnahme stark verarbeiteter Lebensmittel und zuckerhaltiger Getränke. Bei Menschen mit Diabetes müssen diese Empfehlungen mit Kohlenhydratmenge und -qualität, blutzuckersenkender Medikation, körperlicher Aktivität und gegebenenfalls Hypoglykämierisiken abgestimmt werden.
Die Studie liefert dagegen keinen Anlass, epigenetische Alterungsmarker im klinischen Alltag routinemäßig zu bestimmen. Sie untersucht Assoziationen mit biologischen Surrogatmarkern und nicht die Wirksamkeit einer Ernährungsintervention auf HbA1c, Diabetesinzidenz oder Folgekomplikationen. Zudem kann aus den Daten keine Kausalität abgeleitet werden.
Der bei rauchenden Personen stärkere Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität und langsamerem epigenetischem Altern ist explorativ und erklärt nicht die bekannten Risiken des Rauchens. Eine gesunde Ernährung kann einen Rauchstopp nicht ersetzen.
Fazit für die Praxis
Die Ergebnisse stärken einen flexiblen, personenzentrierten Ansatz in der Ernährungsberatung. Für Menschen mit Diabetes ist vermutlich nicht die strikte Befolgung eines bestimmten Labels entscheidend, sondern eine langfristig tragfähige Verbesserung der gesamten Ernährungsqualität.
Quelle: Pressemitteilung der DZNE vom 15.09.2026: Gesunde Ernährung ist mit langsamerem biologischen Altern verknüpft – doch es gibt nicht DIE „beste“ Diät
Originalpublikation:
Tavares JF, Liu D, Talevi V, Eichelmann F, Jannasch F, Schulze MB, Aziz NA, Nöthlings U, Breteler MMB. Associations between diet quality, epigenetic aging and epigenome in two population-based cohorts. Nat Commun. 2026 Aug 29;17(1):9232. [Paper]





