Diabetologie » Prädiabetes

»

Prädiabetes erkennen und das Präventionsfenster gezielt nutzen

Grafik mit einem schwarzen Männchen, der zwischen aufgestellten Holzsteinen steht und die Kettenreaktion aufhält.

Quelle: © Vector-Art - stock.adobe.com

Prädiabetes erkennen und das Präventionsfenster gezielt nutzen

Aktuelles

Diabetologie

Prädiabetes

mgb medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Prädiabetes bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Typ-2-Diabetes folgt. Die DDG plädiert dafür, das individuelle Risiko früh zu erfassen und Präventionsmaßnahmen entsprechend der metabolischen Gefährdung zu intensivieren.

Prädiabetes verläuft häufig ohne Beschwerden, markiert aber ein wichtiges Zeitfenster für die Prävention. Die Stoffwechselentwicklung ist dabei heterogen: Während sich die Glukosewerte bei manchen Personen stabilisieren oder normalisieren, entwickeln andere innerhalb weniger Jahre einen manifesten Typ-2-Diabetes.

Für Behandelnde bedeutet dies, erhöhte Werte nicht nur als unspezifischen Befund zu betrachten. Entscheidend ist eine strukturierte Risikoabschätzung, die neben Glukoseparametern auch Adipositas, Taillenumfang, Blutdruck, Familienanamnese, Bewegungsverhalten und gegebenenfalls Hinweise auf eine gestörte Insulinsekretion oder erhöhte Leberverfettung berücksichtigt.

Prädiabetes umfasst unterschiedliche Risikoprofile

Die DDG verweist auf Forschungsergebnisse, nach denen sich sechs unterschiedliche Prädiabetes- beziehungsweise Risikophenotypen unterscheiden lassen. Diese Profile variieren hinsichtlich des Risikos für einen späteren Typ-2-Diabetes und für diabetesassoziierte Folgeerkrankungen.

Eine solche Einteilung ist im klinischen Alltag derzeit noch nicht vollständig standardisiert. Sie unterstützt jedoch das Konzept einer Präzisionsprävention: Personen mit besonders hohem Progressionsrisiko könnten von einer intensiveren und enger begleiteten Intervention profitieren, während bei niedrigerem Risiko eine weniger intensive, aber weiterhin strukturierte Beratung ausreichend sein kann.

Lebensstilintervention wirkt besonders bei hohem Risiko

Die Ergebnisse der randomisierten PLIS-Studie liefern hierfür eine wichtige Grundlage. In die Untersuchung wurden 1.105 Personen mit Prädiabetes aufgenommen. Die Teilnehmenden wurden anhand von Insulinsekretion, Insulinsensitivität und Leberfett in Hoch- und Niedrigrisikoprofile eingeteilt. Bei Personen mit hohem Risiko führte eine intensivierte Lebensstilintervention im Vergleich zu einer konventionellen Intervention über drei Jahre häufiger zu einer Normalisierung der Glukosetoleranz.

Die von der DDG zusammengefassten Daten weisen außerdem auf einen stärkeren Rückgang des Leberfetts und des kardiovaskulären Risikos unter intensiverer Intervention hin. In einer späteren Auswertung hatten Personen, die Gewicht verloren und wieder normale Glukosewerte erreichten, zwei Jahre nach der Intervention ein deutlich niedrigeres Risiko für einen Typ-2-Diabetes. Diese Ergebnisse sollten als Unterstützung für eine intensive Prävention bei geeigneten Hochrisikopersonen verstanden werden, nicht als Garantie für eine individuelle Risikoreduktion.

Risikoeinschätzung in der Versorgung

Für eine erste Einschätzung bei Erwachsenen ohne bekannten Diabetes steht der DIfE-Deutsche-Diabetes-Risiko-Test zur Verfügung. Er berücksichtigt unter anderem Alter, Körpergröße, Taillenumfang, familiäre Belastung, Hypertonie, Ernährung, Bewegung und Rauchen und schätzt das Erkrankungsrisiko für die kommenden zehn Jahre.

Bei erhöhtem Risiko sollte eine ärztliche Abklärung mit geeigneten Glukoseparametern erfolgen. Je nach Konstellation kommen Nüchternglukose, HbA1c und ein oraler Glukosetoleranztest infrage. Bei auffälligen, aber noch nicht diabetesdiagnostischen Werten empfiehlt die DDG eine zeitnahe Verlaufskontrolle; in der Pressemitteilung werden zunächst drei Monate und anschließend halbjährliche Kontrollen genannt.

Prävention braucht geeignete Rahmenbedingungen

Zu den zentralen Interventionen gehören regelmäßige körperliche Aktivität, eine alltagstaugliche Ernährungsumstellung, die Reduktion von abdominaler Adipositas und ein Rauchstopp. Auch kurze, über den Tag verteilte Bewegungseinheiten können ein praktikabler Einstieg sein.

Die Umsetzung hängt jedoch nicht allein von der individuellen Motivation ab. Soziale Lage, Arbeitsbedingungen, Wohnumfeld, Zugang zu Bewegungsangeboten und die Verfügbarkeit gesundheitsförderlicher Lebensmittel beeinflussen die Erfolgschancen wesentlich. Prävention sollte daher nicht als reine Selbstverantwortung vermittelt werden.

Fazit für die Praxis

Prädiabetes eröffnet ein therapeutisch relevantes Zeitfenster. Für Behandelnde bedeutet dies, erhöhte Glukosewerte systematisch zu bestätigen, das individuelle Progressionsrisiko einzuschätzen und die Intensität der Intervention daran auszurichten. Die Botschaft lautet nicht „abwarten“, sondern „früh erkennen, gemeinsam planen und Verlauf kontrollieren“.

Quellen: 

Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 21.09.2026: DDG rät dazu, individuelles Risiko zu kennen und das Zeitfenster für Prävention zu nutzen.

Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Langfassung Version 3.0.

DIfE. Deutscher Diabetes-Risiko-Test:drs.dife.de

Literatur: 

Fritsche A et al. Different Effects of Lifestyle Intervention in High- and Low-Risk Prediabetes: Results of the Randomized Controlled Prediabetes Lifestyle Intervention Study (PLIS).Diabetes. 2021;70:2785–2795. DOI: 10.2337/db21-0526

Wagner R et al. Pathophysiology-based subphenotyping of individuals at elevated risk for type 2 diabetes.Nature Medicine. 2021;27:49–57. DOI: 10.1038/s41591-020-1116-9

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Ein Arzt hakt das obere von zwei Kästchen ab.

Personalisierte Prävention: Epigenetische Marker als künftige Orientierung

Aktuelles

Könnten epigenetische Merkmale erklären, warum Menschen unterschiedlich stark von gesunder Ernährung profitieren? Eine EPIC-Potsdam-Analyse liefert dazu erste Hinweise – und zeigt zugleich, warum die Ergebnisse noch nicht praxisreif sind.

Diabetologie

Typ-2-Diabetes

Beitrag lesen
Eine Auswahl an gesunden Lebensmitteln liegt auf einem Tisch.

Gesunde Ernährung: Kein einzelnes Muster verlangsamt das biologische Altern

Aktuelles

Mediterran, DASH oder pflanzenbetont: Eine Studie aus zwei deutschen Kohorten zeigt, dass verschiedene gesunde Ernährungsweisen mit langsamerem epigenetischem Altern verbunden sind. Für die diabetologische Beratung spricht dies für individuelle, alltagstaugliche Ernährungskonzepte statt einer vermeintlich perfekten Diät.

Diabetologie

Ernährung und Diabetes

Beitrag lesen
Mehrere Patienten liegen in Krankenhausbetten in einem Saal, im Vordergrund prüft eine Krankenschwester eine Infusion.

Stationäre Versorgung: Diabetes darf im Klinikalltag keine Nebendiagnose sein

Berufspolitik

Eine bundesweite Analyse zeigt: In DDG-zertifizierten Kliniken waren die Krankenhaussterblichkeit und die Liegedauer von Menschen mit Diabetes niedriger. Welche Strukturen die stationäre Patientensicherheit verbessern können.

Diabetologie

Sonstiges

Beitrag lesen