Eine Analyse der EPIC-Potsdam-Studie deutet darauf hin, dass epigenetische Risikoprofile den Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität und dem Auftreten eines Typ-2-Diabetes beeinflussen könnten. Für die Praxis ist der Befund derzeit noch hypothesengenerierend.
Eine gesundheitsförderliche Ernährung gehört zu den etablierten Säulen der Typ-2-Diabetesprävention. Ob der präventive Nutzen bei allen Menschen gleich groß ist, ist jedoch bislang unzureichend geklärt. Forschende des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) Potsdam-Rehbrücke haben deshalb untersucht, ob genetische oder epigenetische Merkmale den Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität und Diabetesrisiko verändern.
Genetisches Risiko beeinflusste den Zusammenhang nicht
Für die Untersuchung wurden Daten der bevölkerungsbasierten EPIC-Potsdam-Kohorte ausgewertet. Die Kohorte umfasst mehr als 27.000 Teilnehmende. Für die genetischen Analysen lagen Daten von 2.204 Personen aus einer zufällig ausgewählten Subkohorte sowie von 750 Personen mit neu aufgetretenem Typ-2-Diabetes vor. Die DNA-Methylierung wurde bei 1.065 Personen aus der Subkohorte und 676 Diabetesfällen untersucht.
Die Ernährungsqualität wurde mit mehreren etablierten Scores bewertet. Berücksichtigt wurden unter anderem die Ausgewogenheit der Ernährung und entzündungsfördernde beziehungsweise gesundheitsfördernde Ernährungseigenschaften. Eine Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Fisch und pflanzlichen Fetten sowie wenig rotem und verarbeitetem Fleisch und zuckergesüßten Getränken wurde als gesundheitsförderlich eingeordnet.
Die genetische Veranlagung für Typ-2-Diabetes, erfasst über polygenetische Risikoscores, zeigte keinen Hinweis darauf, dass sie den Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität und Diabetesrisiko verändert. Eine gesundheitsförderliche Ernährung war demnach nicht nur bei Personen mit geringem genetischem Risiko relevant.
Hinweise auf eine mögliche Rolle der Epigenetik
Anders waren die Ergebnisse für epigenetische Merkmale. DNA-Methylierungen können die Genaktivität beeinflussen, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Sie werden unter anderem durch Alter, Lebensstil und Umweltfaktoren geprägt und könnten damit eine Schnittstelle zwischen individuellen biologischen Voraussetzungen und Ernährung darstellen.
Das Forschungsteam fasste diabetesassoziierte Methylierungsmuster in einem Methylation Risk Score (MRS) zusammen. Ein höherer MRS war in der EPIC-Potsdam-Kohorte mit einem höheren späteren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden. Darüber hinaus deuteten die Analysen darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität und Diabetesrisiko je nach epigenetischem Risikoprofil unterschiedlich stark ausfallen könnte.
Der inverse Zusammenhang mit einer gesunden Ernährung zeigte sich vor allem bei Personen mit niedrigerem MRS. Bei höheren MRS-Werten war kein vergleichbarer statistischer Zusammenhang erkennbar. Die Originalpublikation fasst daraus ab, dass der Nutzen einer gesunden Ernährung möglicherweise vom epigenetischen Risikoprofil abhängt, betont aber zugleich den Bedarf an Bestätigung in unabhängigen Populationen.
Noch keine Grundlage für individuelle Epigenetiktests
Für Behandelnde sind die Ergebnisse derzeit nicht unmittelbar in Screening- oder Ernährungsempfehlungen übertragbar. Es handelt sich um eine Beobachtungsanalyse; ein kausaler Nachweis ist damit nicht möglich. Zudem muss geklärt werden, wie stabil die Methylierungssignaturen sind, ob sie durch Lebensstiländerungen verändert werden können und ob sie den Präventionsnutzen zuverlässig vorhersagen.
Ein routinemäßiger Methylation Risk Score gehört daher aktuell nicht zur Standarddiagnostik der Diabetesprävention. Die etablierten Empfehlungen bleiben unverändert: erhöhtes Risiko früh erkennen, Ernährungsqualität verbessern, Bewegung fördern, abdominale Adipositas reduzieren, Rauchstopp unterstützen und den Glukosestoffwechsel kontrollieren.
Perspektive einer Präzisionsprävention
Sollten die Ergebnisse in weiteren Kohorten und Interventionsstudien bestätigt werden, könnten epigenetische Marker künftig dazu beitragen, Präventionsangebote stärker zu differenzieren. Denkbar wäre, besonders gefährdete Personen früher zu identifizieren oder die Intensität von Lebensstilprogrammen gezielter anzupassen.
Bis dahin liegt der praktische Wert der Studie vor allem darin, die biologische Heterogenität der Typ-2-Diabetesprävention sichtbar zu machen. Eine gesunde Ernährung bleibt eine sinnvolle Empfehlung – unabhängig davon, ob das individuelle genetische Risiko niedrig oder hoch ist.
Quelle:
Pressemitteilung der Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) vom 15.09.2026: Diabetes-Prävention: Epigenetische Veränderungen könnten den Nutzen gesunder Ernährung beeinflussen
Originalpublikation:
El-Khoury C, Eichelmann F, Jannasch F, Schulze MB. Epigenetic and genetic factors modifying the association between diet quality and incident type 2 diabetes: the EPIC-Potsdam cohort. Cardiovasc Diabetol. 2026 Sep 11;25(1):275. doi: 10.1186/s12933-026-03356-0. [Paper]





