Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland lebt mit Übergewicht oder Adipositas – doch nur ein Bruchteil nutzt evidenzbasierte Behandlungsangebote. Eine aktuelle Studie aus Mannheim zeigt, wo die Versorgungslücken liegen und welche Rolle Behandelnde dabei spielen können.
Adipositas ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Entsprechend zentral ist das Gewichtsmanagement im Behandlungsalltag der Diabetologie. Doch wie gut werden Menschen mit Übergewicht und Adipositas in Deutschland tatsächlich versorgt? Eine repräsentative Befragungsstudie der Medizinischen Fakultät Mannheim, veröffentlicht in Obesity Facts, zeichnet ein ernüchterndes Bild.
Weite Verbreitung, geringe professionelle Unterstützung
Über 2.000 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas wurden befragt, welche Behandlungsangebote sie kennen, nutzen und zukünftig in Betracht ziehen würden. Das Ergebnis: Rund 85 Prozent haben bereits versucht, ihr Gewicht zu reduzieren – doch drei von vier taten dies ohne jede professionelle Unterstützung. Weniger als die Hälfte der Befragten hatte überhaupt je ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt über Optionen des Gewichtsmanagements geführt.
Diese Befunde sind für Behandelnde in der diabetologischen Praxis besonders relevant: Wenn Betroffene die hausärztliche Praxis primär als Ansprechpartnerin nicht wahrnehmen – oder dort nicht aktiv auf Behandlungsmöglichkeiten angesprochen werden –, bleibt ein zentraler Hebel zur Prävention und Therapie ungenutzt.
Digitale Gesundheitsanwendungen: Bekannt bei wenigen, gefragt von vielen
Besonders auffällig ist der Befund zu digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs): Nur 19 Prozent der Befragten kannten DiGAs als Behandlungsoption – obwohl diese als einzige Adipositastherapie regelmäßig von den Krankenkassen erstattet werden. Gleichzeitig bekundeten 39 Prozent Interesse daran, eine solche Anwendung auszuprobieren. Diese Diskrepanz zeigt ein erhebliches, bislang ungenutztes Potenzial – und macht deutlich, dass aktive Aufklärung durch Behandelnde ein wirksames Instrument sein kann.
Verhaltensbasierte Programme wurden lediglich von 7,8 Prozent genutzt, medikamentöse Therapieoptionen sogar nur von 6,2 Prozent der Befragten – trotz einer zunehmend breiten Evidenzbasis für pharmakologische Adipositastherapien.
Häufigste Barrieren: Unwissenheit, Zweifel und Unterschätzung
Als meistgenannte Hindernisse für die Nutzung von Behandlungsangeboten nannten die Befragten:
- mangelnde Kenntnis verfügbarer Optionen,
- Zweifel an der langfristigen Wirksamkeit der Angebote,
- die Einschätzung, noch nicht dringend genug betroffen zu sein.
Diese Befunde unterstreichen, dass Behandelnde eine aktive Kommunikationsrolle übernehmen müssen: Sowohl die Aufklärung über verfügbare Optionen als auch das proaktive Ansprechen von Gewicht und Therapiemöglichkeiten in der Konsultation sind entscheidend, um Betroffene in geeignete Programme zu vermitteln.
Handlungsbedarf für die Praxis
„Um den wachsenden Adipositasraten wirksam zu begegnen, müssen künftig sowohl die Verfügbarkeit als auch der Zugang zu evidenzbasierten Behandlungsangeboten verbessert und die Vermittlung der Betroffenen in entsprechende Programme gestärkt werden”, so das Fazit der Erstautorin Dr. Laura Kudlek. Für Diabetologinnen und Diabetologen ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: das strukturierte Ansprechen von Gewicht und Therapieoptionen – einschließlich DiGAs, multimodaler Programme und pharmakologischer Optionen – als festen Bestandteil der Konsultation zu verankern.
Quelle: Pressemitteilung des Universitätsmedizin Mainz (UMM) vom 01.07.2026: Sind Menschen mit Übergewicht und Adipositas ausreichend versorgt und über die Behandlungsmöglichkeiten informiert?
Literatur: Kudlek, L., Hennig, H. Z., Haumann, H., Sniehotta, F. F. (2026): Weight Management and Healthcare Utilization among Adults with Overweight and Obesity in Germany: A Representative Survey of General Practitioner Consultations and Digital and Pharmacological Treatment. Obesity Facts. Paper





