Erschöpfung, Gewichtsverlust, niedriger Blutdruck – Symptome, die an vieles denken lassen, nur selten an die Nebennieren. Morbus Addison betrifft etwa 126 von einer Million Menschen und wird häufig zu spät diagnostiziert. DGE und DDG machen auf die Risiken und die richtige Therapie aufmerksam – inklusive neuer Präparate seit April 2026.
Im Praxisalltag von Diabetologinnen und Diabetologen begegnen unspezifische Beschwerden wie Erschöpfung, Gewichtsverlust oder Hypoglykämien täglich. Dass dahinter mitunter eine primäre Nebenniereninsuffizienz steckt, wird leicht übersehen – zumal Morbus Addison mit rund 126 Fällen pro einer Million Einwohnerinnen und Einwohner zu den seltenen Erkrankungen zählt. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) haben auf einer gemeinsamen Pressekonferenz auf das Krankheitsbild aufmerksam gemacht und zentrale Aspekte zu Diagnostik, Therapie und Notfallmanagement zusammengefasst.
Eine Autoimmunerkrankung mit vielen Gesichtern
Bei Morbus Addison greift das Immunsystem die Nebennierenrinde an. In westlichen Ländern ist diese Autoimmungenese mit 80 bis 90 Prozent die häufigste Ursache der primären Nebenniereninsuffizienz. Die Folge: Die Nebennieren können nicht mehr ausreichend lebenswichtige Steroidhormone produzieren – betroffen sind Cortisol, Aldosteron und das Androgen DHEA. Frauen erkranken etwas häufiger als Männer (Verhältnis ca. 1,5:1).
Das klinische Bild ist vielgestaltig: niedriger Blutdruck mit Schwindel (bis hin zur Orthostase), Salzhunger, ausgeprägte Schwäche und Müdigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen sowie Muskel- und Gelenkschmerzen, die initial als rheumatische Erkrankung fehlgedeutet werden können. In nahezu allen Fällen zeigt sich zusätzlich eine verstärkte Hautpigmentierung – ein wegweisendes, wenn auch nicht immer offensichtliches Zeichen. Für Diabetologen besonders relevant: Wiederkehrende Hypoglykämien können ebenfalls auf eine Nebenniereninsuffizienz hindeuten.
Diagnostik: Cortisol-Nüchternwert und Stimulationstest
Für die Diagnostik ist ein früh morgens gemessener Cortisolspiegel oft wegweisend. Da der Cortisolspiegel im Tagesverlauf schwankt, folgt in der Regel ein ACTH-Stimulationstest (Synacthen-Test), der prüft, ob die Nebennieren ausreichend auf eine Stimulation ansprechen. Wichtig ist dabei die klinische Abgrenzung zur sogenannten „Nebennierenschwäche”, die in sozialen Medien häufig unkritisch diskutiert wird: Bei Letzterer sind die Hormonspiegel in der Regel im Normbereich. Eine fundierte labordiagnostische Abklärung ist daher essenziell, um Betroffene nicht zu über- oder fehlbehandeln.
Therapie: Hormonersatz und Dosisanpassung in Belastungssituationen
Die Behandlung ist lebenslang und zielt auf den Ersatz der ausgefallenen Hormone. Im Mittelpunkt steht Hydrocortison als physiologisches Glukokortikoid. Entscheidend für die Sicherheit der Betroffenen ist das sogenannte „Sick Day Management”: Bei Infekten, körperlichem oder emotionalem Stress oder operativen Eingriffen muss die Hydrocortison-Dosis auf das 2- bis 5-fache der Erhaltungsdosis erhöht werden, um eine Addison-Krise zu verhindern. Bei Erbrechen ist eine intravenöse Gabe zwingend erforderlich. Behandelnde sollten sicherstellen, dass Betroffene einen Notfallausweis mit sich führen, eine Notfallmedikation verfügbar haben und das unmittelbare Umfeld – sowie alle mitbehandelnden Ärztinnen und Ärzte – über das Vorgehen im Ernstfall informiert sind.
Quelle: Pressemitteilung der DDG und DGE vom 14.07.2026: „Erschöpfung, Schwindel, Gewichtsverlust – Warum Morbus Addison leicht übersehen wird”
Gelbe Liste: Morbus Addison. gelbe-liste.de
Literatur:
Theiler-Schwetz, V. et al. (2022): Neue Hydrocortisonpräparate in der Therapie der Nebenniereninsuffizienz. Journal für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel. DOI: 10.1007/s41969-022-00156-1





