Die Behandlung von Brustkrebs umfasst zahlreiche komplexe Aspekte – von der Diagnose über operative Eingriffe bis hin zur Nachsorge. Zwei aktuelle Forschungsprojekte, die WAVES-Studie und die SerMa-Studie, widmen sich unterschiedlichen, aber gleichermaßen wichtigen Bereichen der Brustkrebsversorgung. Im folgenden Interview gibt Prof. Dr. med. Nina Ditsch aus Augsburg Einblicke in beide Studien, erläutert deren Ziele und berichtet über den aktuellen Stand der Forschungsarbeit.
Die Komplexität der Brustkrebsversorgung
Für Betroffene und Behandelnde greifen bei einer Brustkrebserkrankung sehr viele Bausteine ineinander:
- Die Abklärung und Diagnosesicherung
- Die gemeinsame Entscheidung für ein individuelles Behandlungskonzept
- Dessen Anpassung im Verlauf
- Operative und gegebenenfalls rekonstruktive Schritte
- Systemische Therapien
- Strahlentherapie
- Nebenwirkungsmanagement
- Psychoonkologische Unterstützung
- Rehabilitation
- Die strukturierte Nachsorge mit Blick auf Lebensqualität, Spätfolgen und Rezidivrisiko
Die beiden Studien WAVES und SerMa beleuchten dabei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen relevante Aspekte dieses Gesamtbildes.
WAVES-Studie: Fokus auf Kommunikation
WAVES steht für: „Wechselseitiger Patienten-Arzt-Austausch in der Versorgung bei Brustkrebs mit dem Ziel der gemeinsamen Erarbeitung neuer patientenorientierter Strukturen”. Das Projekt wurde von Vertretungen der Patientinnen und Patienten sowie der Ärzteschaft gemeinsam initiiert und ist im Verbund des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung (BZKF) verankert. Im Fokus stehen Fragen der Versorgungsforschung – insbesondere, wie Kommunikation und Austausch im klinischen Alltag so gestaltet werden können, dass sie Patientinnen und Patienten bestmöglich unterstützen.
SerMa-Studie: Postoperative Komplikationen im Blick
Die SerMa-Studie ist im postoperativen Setting angesiedelt und untersucht die Entstehung von Seromen unter anderem nach prothetischer Brustrekonstruktion mit Implantaten. Ziel ist es, Mechanismen besser zu verstehen und daraus Perspektiven für Prävention und Behandlung abzuleiten – ein Thema, das für die postoperative Versorgung und die Vermeidung von Komplikationen zentral ist.
Interview mit Prof. Dr. med. Nina Ditsch
Die WAVES-Studie im Detail
Redaktion: Frau Prof. Ditsch, bitte geben Sie uns zunächst einen Einblick in die WAVES-Studie, um was geht es genau?
Prof. Ditsch: Diese Studie vorzustellen ist etwas ganz Besonderes, denn sie ist unter Beteiligung von sechs Universitätskliniken und gemeinsam mit dem BZKF entstanden. Außerdem sind die größten deutschen Patientenorganisationen und -vertretungen zum Thema Brustkrebs von Beginn an aktiv involviert. In der Studie geht es um den wechselseitigen Patienten- und Arztaustausch in der Versorgung bei Brustkrebs, mit dem Ziel der gemeinsamen Erarbeitung patientenorientierter Strukturen für die Zukunft – das Projekt liegt uns allen sehr am Herzen. Kommunikation und Interaktion sind bei Brustkrebs immens wichtig, das erlebe ich selbst im Klinikalltag. Aus Erfahrung und nach wissenschaftlichen Belegen können wir sagen, dass Patientinnen und Patienten deutlich mehr verstehen, wenn sie sich im Gespräch wohlfühlen. Deshalb haben wir den Fokus auf die Kommunikation gelegt.
Faktor Zeit: Erste Erkenntnisse der WAVES-Studie
Zunächst haben wir den Faktor Zeit analysiert und mit der Fragestellung „Was wäre Ihrer Meinung nach der adäquate Zeitraum, der gegeben werden sollte für ein Erstgespräch mit der Diagnosemitteilung und der Option und Vision für das weitere Prozedere?” gearbeitet.
Die Ergebnisse dieser Befragung sind bereits publiziert [1] und haben deutlich gezeigt, dass ein solches Gespräch mindestens 30 Minuten dauern sollte, um dem Bedarf der Patienten gerecht zu werden. Das erscheint viel, sollte aber in Relation zum zeitlichen Aufwand der zahlreichen Untersuchungen gesehen werden. Schließlich sind die Ergebnisse für die Patientin ja das eigentlich Wichtige. Zudem konnten wir zeigen, dass der von Patientin oder Patient verstandene Anteil der kommunizierten Informationen bei Gesprächen ab 30 Minuten oder länger signifikant höher war.
In diesem Kontext muss auch die angemessene Vergütung für Kommunikation thematisiert werden, die im derzeitigen System nicht adäquat abgebildet ist. Hierfür kämpfen Ärzteschaft, Pflege und Patientenvertretungen seit mehreren Jahren gemeinsam.
Weitere Forschungsschwerpunkte und Ausblick
Redaktion: Nun haben Sie die ersten Ergebnisse der Studie bereits angesprochen, wie geht es weiter?
Prof. Ditsch: Im nächsten Abschnitt widmen wir uns dem Thema „Alter”. Wir fokussieren die Frage, ob wir mit jüngeren Frauen anders sprechen und andere Kommunikationsschwerpunkte setzen müssen, als bei älteren Frauen. Da mittlerweile über 3.000 Patientinnen und Patienten teilgenommen haben, können wir bald neue Ergebnisse präsentieren.
In Zukunft wollen wir uns auch noch weiteren zentralen Themen widmen und planen mehrere Publikationen. Viele Patienten haben im Rahmen der Befragung ihre Ärzte angegeben, was uns die Möglichkeit gibt, diese zu befragen und anonymisiert mit den Daten der Patienten zu koppeln. Aktuell haben bereits über 150 Ärzte in Deutschland teilgenommen und wir sind noch dabei, weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu gewinnen. So können wir herausfinden, ob beide Seiten zu ähnlichen Einschätzungen kommen oder ob Diskrepanzen bestehen.
Zeitlicher Rahmen der WAVES-Studie
Redaktion: Was ist der zeitliche Rahmen der WAVES-Studie?
Prof. Ditsch: Die Förderung für die WAVES-Studie selbst besteht noch bis Dezember 2026. Es gibt erste Überlegungen, die Erfassung in Form eines Registers weiterzuführen. Gleichzeitig haben bereits mehrere Anschlussprojekte eine Finanzierung erhalten und wir schreiben Folgeanträge.
Wir werden das Thema weiter verfolgen, insbesondere weil die Studie zeigt, wie wichtig gelebte Zusammenarbeit von Patientinnen, Vertretern des Pflegebereichs und Ärzten ist. Die partizipative Einbindung von Betroffenen stellt einen wichtigen Beitrag zur Qualität sowie einen nachhaltigen Mehrwert für Forschung und praxisnahe Versorgung dar. Gleichzeitig zeigt sich, dass gelingende Kommunikation und das bewusste „Sich Zeit nehmen” zentrale Voraussetzungen für Therapieerfolge und damit auch für das Outcome von Patientinnen und Patienten sind und durch adäquate Vergütungsstrukturen abgebildet sein müssen.
Ziele und Wünsche für die Zukunft
Redaktion: Was wünschen Sie sich als wichtigste Veränderung, die aus der WAVES-Studie für die Zukunft hervorgehen soll?
Prof. Ditsch: Unser größter Wunsch ist, dass wir und unsere Studienergebnisse von Politik und Krankenkassen gehört werden und wir ins Gespräch kommen.
Redaktion: Möchten Sie abschließend noch etwas zur WAVES-Studie sagen?
Prof. Ditsch: Natürlich – machen Sie bitte alle mit! Ich hoffe sehr, dass wir mit unserer Arbeit etwas bewirken können. Wir freuen uns auch über Hinweise, Anregungen und Wünsche!
Die SerMa-Studie: Serome nach Brustrekonstruktion
Redaktion: Lassen Sie uns nun thematisch zur SerMa-Studie wechseln, können Sie uns zunächst bitte die zentralen wissenschaftlichen Fragestellungen vorstellen?
Prof. Ditsch: Die SerMa-Studie, die ihren Ursprung am Universitätsklinikum hat und gemeinsam mit der Patientenvertretung mamazone e. V. entwickelt wurde, befasst sich mit Seromen.
Was sind Serome und warum sind sie problematisch?
Serome sind Flüssigkeitsansammlungen in Hohlräumen und sie treten häufig nach Mastektomien auf. Somit stellen sie bei sehr vielen Patientinnen ein Problem in der postoperativen Versorgung dar. Natürlich besteht durch Serome ein erhöhtes Infektionsrisiko, aber auch andere Komplikationen treten gehäuft auf. So kann es beispielsweise zu einer Dehiszenz der Narben kommen. Dann reicht es nicht mehr, das Serom ambulant punktieren zu lassen, sondern es ist gegebenenfalls sogar eine weitere Operation mit einem erneuten stationären Aufenthalt nötig. Diese Szenarien beeinflussen den Alltag und die Lebensqualität unserer Patientinnen stark, weshalb wir uns in der SerMa-Studie die folgenden Fragen stellen:
- Was genau ist eigentlich ein Serom?
- Wie entstehen Serome?
- Können wir präventiv tätig werden?
Studiendesign und Umfang
In einer Vorstudie haben wir uns bereits der Aufklärung der Pathogenese gewidmet und die Ergebnisse in mehreren Publikationen präsentiert [2–9]. Auf diesen Ergebnissen basiert nun die internationale Großstudie. Die SerMa-Studie ist prospektiv, die Patienten müssen sich also bereits vor der Operation entscheiden, ob sie teilnehmen möchten. Danach ist eine Teilnahme nicht mehr möglich.
Aktuell sind über 2.000 Patientinnen und Patienten sowie auch gesunde Probanden zum Einschluss geplant.
Forschungsziele der SerMa-Studie
Wir werden in dieser Studie weiter untersuchen, warum Serome entstehen – zum Beispiel, ob immunologische Mechanismen eine Rolle spielen. Es ist bereits bekannt, dass Serome mit höherem Alter, einem höheren BMI und möglicherweise auch mit einem höheren Brustgewicht assoziiert sein können. Die eigentliche Ursache und der zugrunde liegende Mechanismus sind jedoch bislang nicht verstanden. Da es bisher vor allem Publikationen mit größtenteils kleinen Fallzahlen gibt, wollen wir diese Fragen mit einer größeren Kohorte beantworten.
Aktueller Stand der SerMa-Studie
Redaktion: Gibt es aus der SerMa-Studie bereits erste Ergebnisse?
Prof. Ditsch: Nein, wir befinden uns noch ganz am Anfang. Aktuell nehmen 34 nationale und internationale Zentren teil, die Studie ist noch offen für weitere Zentren.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass eine solche Studie nur mit Kooperationspartnern und Unterstützern möglich ist. International ist das vor allem die EUBREAST e. V., außerdem die AGO Studiengruppe Mamma (AGO-B) und die Arbeitsgemeinschaft für ästhetische, plastische und wiederherstellende Operationsverfahren in der Gynäkologie e. V. (AWOgyn). Wir sind sehr dankbar für die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Expertinnen und Experten aus dem operativen Bereich sowie aus Radiologie, Pathologie, plastischer Chirurgie und Strahlentherapie.
Teilnahme und Unterstützung
Redaktion: Was benötigen Sie in dieser Phase der Studie noch?
Prof. Ditsch: Wir freuen uns über ein Interesse von Patientinnenseite und über die Teilnahme weiterer Zentren.
Redaktion: Was soll sich in der Praxis durch die SerMa-Studie ändern?
Prof. Ditsch: Ich wünsche mir, dass wir zukünftig ganz vielen Patientinnen und Patienten helfen können, indem wir die Entstehung von Seromen besser verstehen und präventive Maßnahmen entwickeln. Wenn wir die Mechanismen kennen, können wir gezielt eingreifen und die postoperative Versorgung deutlich verbessern.
Zusammenfassung
Prof. Dr. med. Nina Ditsch beleuchtet im Interview zwei Studien zur Brustkrebsversorgung. Die WAVES-Studie rückt die entscheidende Rolle der Arzt-Patienten-Kommunikation in den Fokus und untersucht, wie Kommunikation zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen beitragen kann. Parallel dazu widmet sich die SerMa-Studie einem praxisrelevanten postoperativen Thema: der Entstehung von Seromen nach Brustrekonstruktion.
Das Interview führte Nina Hoffmann





