Bei den 10. Kardiologentagen 2026 in Berlin diskutierten Experten eine der zentralen Fragen der modernen Lipidtherapie: Ist ein pragmatisches „Fire-and-Forget”-Vorgehen oder eine strikt zielwertorientierte „Treat-to-Target”-Strategie der Versorgungsrealität besser angepasst? Einigkeit herrschte in einem Punkt: Eine konsequente LDL-Senkung bei Hochrisikopatienten ist prognostisch entscheidend.
Das Argument für Fire and Forget: Pragmatismus statt Komplexität
Befürworter des Fire-and-Forget-Ansatzes verwiesen auf die Evidenzbasis großer Outcome-Studien, die mit festen Therapieschemata gearbeitet haben. Ihr Kernargument: Die Mehrzahl der Hochrisikopatienten erreicht die ESC/EAS-Zielwerte trotz verfügbarer Therapien nicht – eine früh einsetzende, standardisierte Hochdosistherapie erscheine daher realistischer als aufwendige Titrationsstrategien.
Hinzu kommt, dass eine eindeutige Überlegenheit zielwertgesteuerter Strategien gegenüber dem Fire-and-Forget-Ansatz bislang nicht konsistent belegt ist.
Das Argument für Treat to Target: Individualisierung und Kontrolle
Auf der anderen Seite wurde betont, dass LDL-Zielwerte aus Studien zur intensiven Lipidsenkung abgeleitet sind und eine wichtige Orientierung für den Behandlungserfolg bieten. Ohne konsequente Zielkontrolle könnten relevante Unterschiede – etwa in Therapieansprechen, genetischer Prädisposition oder Adhärenz – unentdeckt bleiben.
Neuere Daten deuten zudem darauf hin, dass niedrigere LDL-Werte mit zusätzlichen Ereignisreduktionen verbunden sein können. Diese Effekte müssen jedoch im Kontext von Kosten, möglichen Nebenwirkungen und Patientenpräferenzen bewertet werden.
Versorgungsrealität als gemeinsamer Nenner
Trotz kontroverser Positionen zeigte die Diskussion eine ernüchternde Versorgungsrealität: Hochrisikopatienten werden häufig nicht als solche erkannt. Besonders auffällig: Patientinnen und Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) erhalten deutlich seltener eine leitliniengerechte Lipidsenkung als KHK-Patienten – obwohl ihr kardiovaskuläres Risiko vergleichbar hoch ist.
Als zentrale Hürden der Lipidtherapie wurden benannt:
- Mangelnde Adhärenz und Therapieabbrüche
- Nocebo-Effekte durch negative Erwartungshaltungen
- Unzureichende Aufklärung über Nutzen und Risiken der Therapie
Fazit: Einfache Algorithmen, klare Kommunikation
Im Vordergrund der Debatte stand letztlich die praktische Frage: Wie lässt sich evidenzbasierte LDL-Senkung dauerhaft und praktikabel in die Versorgung bringen? Die Antwort der Experten: mit einfachen Therapiealgorithmen, klar definierten Zuständigkeiten und einer Kommunikation, die Nutzen und Risiken für Patientinnen und Patienten transparent und verständlich vermittelt.
Autor: Rainer H. Bubenzer
Quelle: Symposium „Kontroversen der Hypercholesterinämie – Ringen um die passende Therapie”, 10. Kardiologentage 2026, Berlin, 13. Juni 2026. Veranstalter: Novartis Pharma GmbH





