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Kardiovaskuläre Notfälle: Winter erhöht das Risiko deutlich

Rettungswagen im Wintereinsatz auf schneebedeckter Straße – Symbol für die saisonale Häufung kardiovaskulärer Notfälle wie Lungenembolie und Aortendissektion in den Wintermonaten

Quelle: © thomaslerchphoto – stock.adobe.com

Kardiovaskuläre Notfälle: Winter erhöht das Risiko deutlich

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Kardiologie

Akute kardiologische Notfälle

mgb medizin Redaktion

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4 MIN

Erschienen in: herzmedizin

Eine österreichische Analyse von 15 Jahren Krankenhausdaten zeigt: Lungenembolien, Aortendissektionen und tiefe Venenthrombosen häufen sich im Winter signifikant. An Wochenenden sinken die Fallzahlen – bei Venenthrombosen um bis zu 65 %. Die Autoren sehen Implikationen für die Ressourcenplanung in vaskulären Notaufnahmen.

Saisonale Muster bei Gefäßnotfällen bisher kaum untersucht

Dass kardiovaskuläre Erkrankungen saisonalen Schwankungen unterliegen, ist für Herzinfarkt und Schlaganfall gut dokumentiert. Für andere akute Gefäßereignisse – darunter Lungenembolie (LE), Aortendissektion (AD), tiefe Venenthrombose (TVT) und akute Extremitätenischämie – fehlten bislang systematische, populationsbasierte Daten zu zeitlichen Mustern. Maria Elisabeth Leinweber und Amun Georg Hofmann (beide FIFOS – Forum for Integrative Research & Systems Biology sowie Klinik Ottakring, Wien) haben diese Lücke mit einer 15-jährigen retrospektiven Analyse nationaler österreichischer Krankenhausdaten nun geschlossen.

Studiendesign: Populationsweite Daten aus 15 Jahren

Die Studie wertete Hospitalisierungsdaten des österreichischen Gesundheitsministeriums (Dokumentations- und Informationssystem DIAG) für den Zeitraum 2009 bis 2023 aus. Eingeschlossen wurden fünf akute Gefäßereignisse, klassifiziert nach ICD-10: Aortendissektion (I71.1), rupturiertes Aortenaneurysma (I71.3/0.5/0.8), tiefe Venenthrombose (I82), Lungenembolie (I26) und akute Extremitätenischämie (I74). Die österreichische Bevölkerung wuchs im Beobachtungszeitraum von 8,3 auf 9,1 Millionen Einwohner. Aufgrund der vollständig anonymisierten und aggregierten Datenbasis war keine IRB-Genehmigung erforderlich. Die Analysen erfolgten mittels Zeitreihendekomposition sowie deskriptiver Auswertung nach Kalendermonat, Wochentag und Zeitumstellungstagen.

Lungenembolie und Aortendissektion: deutliche Winterhäufung

Saisonale Schwankungen zeigten sich am ausgeprägtesten bei Lungenembolien, Aortendissektionen und tiefen Venenthrombosen – mit konsistenten Winterpeaks und Sommernadira über alle 5-Jahres-Zeitbänder:

  • Lungenembolie: Peak im Januar (21,5 Fälle/Tag), Nadir im Juni (17,6 Fälle/Tag), Rückgang –18,2 %; Peak-to-Trough-Ratio 1,22
  • Aortendissektion: Peak im Februar (2,53 Fälle/Tag), Nadir im August (2,06 Fälle/Tag), Rückgang –18,6 %; Peak-to-Trough-Ratio 1,23
  • Tiefe Venenthrombose: Peak im Januar (12,23 Fälle/Tag), Nadir im Dezember (10,26 Fälle/Tag); Peak-to-Trough-Ratio 1,19; saisonale Amplitude geringer als bei LE und AD

Akute Extremitätenischämien (Peak-to-Trough-Ratio 1,18) und rupturierte Aortenaneurysmen (mittlere Tageszahlen 1,47–1,65) zeigten deutlich geringere saisonale Variation ohne klar rhythmisches Muster.

Wochenendeffekt: Fallzahlen teils um über 65 % niedriger

Neben saisonalen Mustern fiel ein ausgeprägter Wochentag-Effekt auf. Die höchsten Fallzahlen wurden jeweils montags (LE, TVT, ALI) bzw. dienstags (AD) verzeichnet, die niedrigsten an Wochenenden:

  • Tiefe Venenthrombose: –65,5 % (Montag vs. Wochenende)
  • Akute Extremitätenischämie: –55,2 %
  • Lungenembolie: –52,5 %
  • Aortendissektion: –39,2 % (Dienstag vs. Samstag)
  • Rupturiertes Aortenaneurysma: –15,0 % (geringster Effekt, vereinbar mit der lebensbedrohlichen Natur der Erkrankung)

Die Autoren diskutieren zwei mögliche Erklärungen: systemseitige Faktoren wie eingeschränkter Zugang zu diagnostischen Leistungen am Wochenende sowie patientenseitige Faktoren wie Zurückhaltung bei der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung. Die vorliegenden Daten erlauben keine Differenzierung zwischen beiden Mechanismen.

Zeitumstellung ohne klinisch relevanten Einfluss

Eine multilayered Analyse der Zeitumstellungstage ergab keinen Hinweis auf einen klinisch relevanten Effekt auf die Hospitalisierungszahlen. Initial beobachtete Reduktionen an DST-Tagen (z. B. LE –42,9 %, TVT –52,2 % gegenüber dem Jahresdurchschnitt) erwiesen sich beim Vergleich mit anderen Sonntagen als nicht signifikant (Unterschiede meist < 10 %). Auch der Vergleich der auf die Zeitumstellung folgenden Woche mit einer Kontrollperiode zeigte keine relevanten Differenzen (< 6 %). Die Autoren schlussfolgern, dass die beobachteten Effekte an Zeitumstellungstagen primär den bekannten Wochentag-Effekt widerspiegeln.

Pathomechanismen: Kälte, Luftverschmutzung und Verhalten

Zur Erklärung der Winterhäufung diskutieren Leinweber und Hofmann mehrere Mechanismen: Erhöhte Blutdruckwerte und verstärkte sympathische Aktivierung in der Kälte, saisonale Anstiege von LDL-Cholesterin, Triglyceriden und Blutglukose sowie prothrombotische Veränderungen des Gerinnungssystems. Darüber hinaus weisen sie auf den Einfluss saisonaler Luftverschmutzung hin: Erhöhte PM2.5- und NO₂-Konzentrationen im Winter durch verstärkte Heizaktivität und stabile Wetterlagen sind mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert. Verhaltensbedingte Faktoren – reduzierte körperliche Aktivität, erhöhte Kalorienaufnahme und geringere Sonnenlichtexposition im Winter – werden ergänzend diskutiert.

Klinische Implikationen: Ressourcenplanung in vaskulären Notaufnahmen

Die Autoren betonen den praktischen Nutzen der Befunde für die Versorgungsplanung: Kenntnisse über saisonale und wochentägliche Muster können zur Optimierung von Personalplanung, diagnostischer Bereitschaft und Kapazitätsmanagement in vaskulären und internistischen Notaufnahmen beitragen – insbesondere in den Wintermonaten und zu Wochenbeginn. Gleichzeitig weisen sie auf die eingeschränkte Generalisierbarkeit der österreichischen Daten hin: Klimatische Unterschiede, regionale Gesundheitsversorgungsstrukturen und soziokulturelle Faktoren können die Ausprägung chronobiologischer Muster erheblich beeinflussen.

Originalpublikation: Leinweber ME, Hofman AG. J Am Heart Assoc 2026; 15: e047293; doi: 10.1161/JAHA.125.047293

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