Betroffene von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) fühlen sich teilweise so hoffnungslos und verzweifelt, dass sie einen assistierten Suizid erwägen oder in Anspruch nehmen. Diese Meldung hat Medizinerinnen und Mediziner sowie die Allgemeinbevölkerung gleichermaßen betroffen gemacht. Ein Grund für die Hoffnungslosigkeit: Bislang sind die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen nicht geklärt, es gibt keine Biomarker, die eine Diagnose erleichtern würden, und keine ursächliche Therapie. Bei dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) stellte der DGN-Arbeitskreis ME/CFS die vorläufigen Ergebnisse seiner Studienrecherche vor, um einen Überblick zu geben, was die Forschung bisher weiß, welche Therapiemethoden in Studien getestet wurden und wie diese zu bewerten sind.
ME/CFS: Prävalenz und Krankheitsbild
Rund 675.000 Menschen sind in Deutschland von ME/CFS betroffen. Das entspricht einem volkswirtschaftlichen Schaden von 32,8 Milliarden Euro [1]. Für die Diagnosestellung bei ME/CFS müssen folgende Kriterien (Revised Canadian Consensus Criteria) nach Ausschluss anderer erklärender Erkrankungen erfüllt sein:
1. Post-Exertionelle Malaise (Verschlechterung nach Aktivität/langsame Erholung),
2. Fatigue (Deutlicher Verlust des bisherigen Aktivitätsniveaus),
3. Schlafstörungen (nicht erholsamer Schlaf oder Schlafrhythmus),
4. Schmerz (z.B. Muskel-, Gelenk-, oder Kopfschmerzen).
Des Weiteren mindestens zwei neurologisch-kognitive Symptome (Gedächtnis; Konzentration; Wortfindung; verlangsamtes Denken; Licht-/Lärmempfindlichkeit; Muskelschwäche/-zuckungen) sowie ein Symptom aus jeweils zwei der drei Bereiche: Autonom (Orthostatische Beschwerden; Herzklopfen; Schwindel; Darm-/Blasenstörungen), Neuroendokrin (Hitze-/Kälteintoleranz; Temperaturschwankungen; Gewichts-/Appetitveränderungen); Immunologisch (Grippeähnliche Beschwerden; Halsschmerzen; Lymphknoten; neue Unverträglichkeiten) [2].
Therapie bei ME/CFS: Aktuelle Studienlage
Nach der Analyse der Studien hinsichtlich ihrer Qualitätskriterien schloss die Arbeitsgruppe 29 Studien in ihre weitere Recherche ein. Die Studie von Joseph et al. [3] untersuchte die Anwendung von Pyridostigmin bei ME/CFS. Hier stellte die Arbeitsgruppe einen Randomisierungsfehler fest: alle 6 Männer wurden der Placebogruppe zugeteilt und anschließend aus der Analyse entfernt. Der Therapieeffekt wurde als klein und klinisch irrelevant bewertet. Die Fallzahl war ebenfalls klein und das Studiendesign monozentrisch. Es fehlten klinische Endpunkte, und eine Langzeitnachbeobachtung fand nicht statt. Es handelte sich um eine Akutintervention mit Messung nach 50 Minuten.
Die Studie liefert zwar Proof-of-Concept-Evidenz für die pharmakologische Modulation der Belastungsintoleranz; die klinische Relevanz, Langzeitwirksamkeit, Spezifizität der Pyridostigmin-Behandlung für ME/CFS-bezogene Symptome und Sicherheit bleiben jedoch unbekannt und erfordern weitere Untersuchungen.
Die Studie von Fluge et al. [4] habe laut der Arbeitsgruppe einen insgesamt niedrigen Risk of Bias; ein mögliches Selektions-, Berichts- und Recall-Bias könne jedoch durch wiederholte Selbsteinschätzung der Patientinnen und Patienten über die lange Nachbeobachtung nicht ausgeschlossen werden. Die Autoren nennen als Limitationen die Selbstzuweisung und selbstberichtete primäre Endpunkte mit möglichem Recall-Bias. Der Post-hoc-Vergleich der unkontrollierten Cyclophosphamid-Studie mit der separaten Rituximab-Studie wurde als inadäquat bewertet. Weitere Limitationen stellen die heterogene ME/CFS Population und dass die Begleitintervention nicht kontrolliert war dar. Auch natürliche Krankheitsschwankungen, Spontanerholung, Placebo- und Studieneffekte sind nicht auszuschließen. Insgesamt zeigte sich kein klinisch relevanter Effekt der CD20-BZell-Depletion in einer unselektierten ME/CFS-Kohorte.
Das Fazit des Arbeitskreises lautet: Die aktuelle Evidenz belegt für ME/CFS weder einen übergeordneten pathophysiologischen Mechanismus noch validierte Biomarker oder eine krankheitsmodifizierende Therapie. Die meisten berichteten Befunde stammen aus kleinen, überwiegend querschnittlichen Studien mit unzureichenden Kontrollen und begrenzter unabhängiger Validierung. Ihre fehlende Reproduzierbarkeit schließt zugrunde liegende biologische Mechanismen jedoch nicht aus. Die bisherige Studienlage stützt den Einsatz von Immuntherapien bei ME/CFS außerhalb kontrollierter Studien nicht. Künftige Studien sollten auf prospektive, präregistrierte Designs, klinisch relevante Krankheitskontrollen, striktere Anwendung etablierter Diagnosekriterien und eine rigorose Phänotypisierung zur Abbildung der Patientenheterogenität achten.
Weitere Diskussionspunkte
Im Anschluss an die Vorstellung der vorläufigen Ergebnisse des Arbeitskreises folgte eine interaktive Diskussion unter anderem zu dem Thema, dass der Name „Myalgische Enzephalomyelitis“ nicht passend und irreführend sei, da es sich nicht um eine Enzephalomyelitis handelt. Auch die Hypothese, ob es sich bei dem ME/CFS um eine funktionelle neurologische Störung handeln könnte, wurde intensiv diskutiert und von vielen der Expertinnen und Experten sowie Zuschauenden als plausibel erachtet.
Michelle Flammersberger
Literatur:
- Danell et al. The rising cases of Long Covid and ME/CFS in Germany. 2026
- Jason et al. The Development of a Revised Canadian ME/CFS Case Definition. Am J Biochem Biotechnol 2010; 6: 120–135
- Joseph et al. Neurovascular Dysregulation and Acute Exercise Intolerance in Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: A Randomized, Placebo-Controlled Trial of Pyridostigmine CHEST 2022; 162(5): 1116-1126
- Fluge et al. B-Lymphocyte Depletion in Patients With Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial; Ann Intern Med 2019; 170(9): 585-593
Quelle: Wissenschaftliches Symposium „ME/CFS: Aktueller Stand des DGN-Arbeitskreises“ am 04.11.2026 im Rahmen des DGN-Kongress





