Unter den aktuellen Entwicklungen in der Biomarker-basierten Diagnostik der Multiplen Sklerose (MS) erörterten Fachmediziner der Neurologie im Rahmen des Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zentrale Fragen bei der Liquordiagnostik und die Rolle von Neurofilament-Leichtketten (NfL) als Marker neuroaxonaler Schädigung.
Zur Basisdiagnostik bei Verdacht auf MS zählen ein Liquor-Profil und Blutserumauswertungen mit Bestimmung der Leukozytenzahl und -zellbild, nannte Prof. Dr. med. Hayrettin Tumani, Facharzt für Neurologie in Ulm. Für das Liquor-Kriterium werden entweder die oligoklonalen Banden (OKB) oder die freien kappa Immunglobulin-Leichtketten (kappaFLC) bestimmt. Bei einem Grenzbefund des Liquors, sollte jeweils das andere Verfahren zusätzlich erhoben werden, so der Rat von Tumani. OKB-Befunde und kappaFLC-Indizes wären ein Baustein der Diagnostik, die nur im Gesamtkontext sinnvoll bewertet werden können. Und auch bei diesen Parametern könnten in bis zu 11 % der Fälle Diskordanzen mit Labor und Klinik auffallen, vor allem bei Grenzwertigen kappaFLC-Indizes und seltenen OKB-negativen Konstellationen, nannte er. Bei negativen Liquor-Befunden sollte die Diagnose MS zwar kritisch hinterfragt aber auch nicht per se ausgeschlossen werden, ergänzte Tumani.
Die Bestimmung der NfL bietet eine gute Orientierung zur Abschätzung der Krankheitsaktivität und für die Prognose über verschiedene Subtypen der MS hinweg, schilderte Prof. Dr. med. Michael Khalil, Facharzt für Neurologie in Graz (Österreich). So korrelieren hohe NfL-Werte beispielsweise mit einem höheren Hirnvolumenverlust und einer stärkeren körperlichen Beeinträchtigung. Die Erhebung des Serum NfL (sNfL) könnte auch eine Stütze für das Management bei MS sein und als Marker für das Therapieansprechen herangezogen werden, stellte Khalil in Aussicht.
Wie sNfL bislang im ambulanten Alltag genutzt werden kann, erläuterte Dr. med. Julia Loos, niedergelassene Fachärztin für Neurologie in Alzey, am Beispiel ihrer Praxis-Routinen. Loos plädierte für die Anwendung von Alters- und BMI-adjustierten z-Scores, um eine individuellere Einordung der sNfL-Konzentrationen zu ermöglichen. Nur so könnten Auffälligkeiten besser sichtbar gemacht werden, die innerhalb des Laborreferenzbereichs ansonsten verborgen geblieben wären, erläuterte sie. In ihrer Patientenklientel mit insgesamt 279 MS-Patientinnen und -Patienten wies ein Anteil von 39 % trotz sNfL unterhalb des altersabhängigen Laborgrenzwerts einen erhöhten z-Score von >1,5 auf. Z-Scores ließen sich ihrer Auffassung nach unkompliziert in die ambulante Routineversorgung integrieren und ermöglichen eine individualisierte Beurteilung der Krankheitsaktivität bei MS und Verlaufsbeurteilung.
Dr. rer. nat. Christine Willen
Quelle: Symposium DGN-Wissenschaft: „Multiple Sklerose im Wandel: Biomarker zwischen Leitlinie und zukünftigen Diagnosekriterien“ am 04.11.2026 im Rahmen der Neurowoche in Berlin





