Anlässlich der Neurowoche 2026 in Berlin diskutierten Fachmediziner die Bedeutsamkeit einer gründlichen primären Diagnostik bei Epilepsie zum Beispiel in spezialisierten Behandlungszentren für ätiologiegerichtete Therapieentscheidungen in der Niederlassung.
Akut-symptomatische Anfälle haben generell eine günstige Anfallsprognose und beschreiben epileptische Anfälle, die in engem zeitlichem Kontext zu einer akuten Hirnschädigung stehen. Akut-symptomatische Anfälle können beispielsweise infolge eines Hirninfarkts, während einer ZNS-Infektion, aktivierter Autoimmunerkrankung oder bei einem Alkohol-Entzugssyndrom in Erscheinung treten. In diesem Setting sollte keine langfristige Therapie mit einem Anfallssuppressivum gegeben werden, so PD Dr. med. Bernd Vorderwülbecke, Facharzt für Neurologie in Berlin. Nur unter ausgesuchten Konstellationen, zum Beispiel bei Verdacht auf Post-Stroke-Epilepsie nach Hirninfarkt, kommen dauerhafte pharmakologische Interventionen in Betracht. Für die Patientenselektion können Ätiologie-spezifische Scores, wie der SeLECT 2.0 Score bzw. die Benutzung der SeLECT App oder Websites (z.B. www.predictepilepsy.com oder www.seizureprognosis.info) hilfreich sein, nannte der Experte.
Nationale Registerdaten aus PROSE (prognosis of acute symptomatic seizures) zeigen bei Patientinnen und Patienten nach akut-symptomatischen Anfällen eine kumulative 3-Jahres-Inzidenz von späteren unprovozierten Anfällen von 14 % auf, berichtete PD Dr. med. Bernd Vorderwülbecke, Facharzt für Neurologie in Berlin [1]. Als mögliche Prädiktoren für einen späteren unprovozierten Anfall kristallisierten sich zum Beispiel das männliche Geschlecht und epilepsietypische EEG-Potenziale heraus. Als Risikofaktoren für erneut akut-symptomatische Anfälle wurden laut Vorderwülbecke Alkoholentzug und epileptogene Hirnläsionen dokumentiert. [1]
Für Prof. Dr. Dr. med. Stjepana Kovac, Fachärztin für Neurologie in Münster, gehört die Kenntnis der jeweiligen Ätiologie der Epilepsie, die beispielsweise auf strukturellen Veränderungen beruhen oder genetisch, infektiös, metabolisch oder immunvermittelt entstehen können, zu den basalen Voraussetzungen für adäquate Therapieentscheidungen. Epileptische Anfälle haben sehr heterogene Ätiologien, die mit unterschiedlichen Prognosen verknüpft sein können. Selbst unter den strukturell-bedingten Epilepsien wäre die Chance auf Anfallsfreiheit (über mindestens 12 Monate) unter Therapie breit gestreut und für Patientinnen und Patienten nach einem ischämischen Schlaganfall am höchsten (ca. 70%) und bei kortikaler Entwicklungsfehlbildung (ca. 17 %) oder Hippocampussklerose (ca. 28 %) wesentlich niedriger. Daher sollte bei den Patientengruppen mit geringerer Chance auf Anfallsfreiheit von Anfang an sorgsam geprüft werden, ob ggf. intensivierte therapeutische Maßnahmen sinnvoll sind, so der Rat von Kovac.
Dr. rer. nat. Christine Willen
Literatur:
1. Traben H, Herzig-Nichtweiß J, Langenbruch L, et al. Prognosis of acute symptomatic seizures and impact of prolonged treatment with anti-seizure medication. Epilepsia 2026
Quelle: Symposium DGN-Wissenschaft: „Therapieentscheidungen bei Epilepsie – wann beginnen, wann eskalieren, wann absetzen?“ am 04.11.2026 anlässlich der Neurowoche in Berlin





