Auf der Concordia Station in der Antarktis herrschen außergewöhnlich extreme Lebensbedingungen: Die Forschungsstation liegt auf dem rund 3.200 Meter hohen antarktischen Eisplateau, weit entfernt von jeder anderen dauerhaft bewohnten Siedlung. Temperaturen von deutlich unter −50 °C, monatelange Dunkelheit im polaren Winter und die dünne, trockene Höhenluft prägen den Alltag der dort stationierten Forschenden. Während der langen Isolationsphasen sind sie vollständig auf die Vorräte und technischen Systeme der Station angewiesen und leben auf engem Raum in einer kleinen, international zusammengesetzten Gemeinschaft. Die Station ermöglicht durch ihre Labor- und Wohneinrichtungen wissenschaftliche Forschung unter Bedingungen, die denen zukünftiger Langzeitmissionen im All ähneln.
Heute im Interview: Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. In der jüngst publizierten Studie „Social Interactions in Isolated, Confined and Extreme Environments“ beobachtete Prof. Walther mit seinem Team eine zwölfköpfige Crew, die für zehn Monate in die antarktische Concordia-Station zog. Wie veränderten sich die Psyche, die Gruppendynamik und der Zusammenhalt?
Dieses Interview ist im MGB MEDIZIN-Podcast erschienen. Hier können Sie die Folge als Podcast anhören:
Herr Prof. Walther, vielen Dank, dass Sie heute hier sind. Wie kann man sich denn den Alltag auf der Concordia-Station vorstellen?
Sebastian Walther: Die Station besteht aus zwei großen Türmen, die über einen Gang miteinander verbunden sind. Einer dieser Türme ist der Arbeitsbereich mit Laboren. Der zweite Turm ist der Wohnbereich mit Schlafzimmern, Küche, Kino, Sportraum. In der Regel sind dort zwölf Mitarbeitende gleichzeitig vor Ort. Viele sind selbst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dazu kommen Technikerinnen und Techniker, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Man ist sehr abhängig davon, dass die Technik läuft und dass die Versorgung gesichert ist. Auch eine Ärztin oder ein Arzt ist immer mit dabei, weil man über viele Monate nicht wegkann. Wenn jemandem etwas passiert, muss die medizinische Versorgung vor Ort stattfinden.
In dieser eigentlich lebensfeindlichen Umgebung haben Sie mit Ihrem Team eine zwölfköpfige Crew aus der Ferne begleitet und über Monate untersucht, welche Veränderungen sich im psychischen Wohlbefinden und in der Gruppendynamik ergeben. Wie genau haben Sie diese Veränderungen gemessen?
Sebastian Walther: Wir sind mit mehreren Methoden vorgegangen. Zum einen haben wir klassisch mit Fragebögen gearbeitet, die auf der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden beruhen. Sie haben also selbst bewertet: Wie geht es mir gerade? Was denke ich zu bestimmten Themen? Wie funktioniert mein Team? Wir hatten standardisierte Fragebögen zur Einsamkeit. Außerdem haben wir gefragt, wie sicher sich die Personen fühlen, ob sie misstrauisch sind, ob sie den anderen im Team trauen können und so weiter. Das sind Fragebögen, die wir sonst auch nutzen, um paranoides Erleben bei gesunden Menschen oder bei Patientinnen und Patienten zu erfassen. Diese Fragebögen haben wir mit weiteren Fragen zu Schlaf, Depressivität und ähnlichen Aspekten kombiniert. Zusätzlich kamen sogenannte Abstandssensoren zum Einsatz. Die kann man sich ungefähr so groß wie eine Kreditkarte vorstellen, getragen wie ein Badge. Sie messen, welche anderen Badges gerade in der Nähe sind — also wie viel Zeit Personen miteinander in einem Abstand von etwa zwei bis drei Metern verbringen. Ähnliche Sensoren waren auch in den wichtigsten Räumen angebracht, sodass man ungefähr erfassen konnte, wie lange sich Personen zum Beispiel in der Küche aufhielten.Es wurde also gemessen, wer sich mit wem trifft und wo sich die Crewmitglieder aufhalten. Diese Messungen wurden zu vier Zeitpunkten jeweils zwei Wochen am Stück durchgeführt.
Welche Ergebnisse brachten die Messungen und Fragebögen?
Sebastian Walther: Die Isolation konnten wir sehr gut abbilden. Auch Schwierigkeiten mit Schlaf und Tagesrhythmus konnten wir modellieren, weil die Personen über lange Zeit in Dunkelheit und auf engem Raum lebten. Interessant ist aber: Die Crewmitglieder haben sich trotzdem sehr viel gesehen. Soziale Interaktion war ständig vorhanden, und dennoch kam es zu Einsamkeit und zu paranoiden Ideen. Ein Grund, warum wir die Studie so durchgeführt haben, war, dass es aus der Forschung in der Allgemeinbevölkerung Hinweise auf bestimmte Zusammenhänge gibt: Wenn Menschen weniger schlafen, sich stärker zurückziehen und weniger mit anderen interagieren, können Ideen entstehen, dass andere ihnen vielleicht schaden könnten. Das kann zu einer Art selbstverstärkendem Mechanismus werden. Je mehr ich mich zurückziehe und abschotte, desto mehr kann ich mir ausmalen, was die anderen möglicherweise Böses mit mir vorhaben. Auf diese Weise kann sich paranoides Erleben verstärken.
Paranoides Erleben wurde in der Studie mit einer Skala quantifiziert, die zwei Dimensionen hat:
- Beziehungsideen (die Überzeugung, dass andere Personen einen beobachten oder über einen sprechen)
- Verfolgungsideen (z.B. Gedanken darüber, dass andere einem schaden wollen)
Vor allem in der ersten Dimension, also bei den Beziehungsideen, wurde im Laufe der Mission eine signifikante Zunahme gemessen. Besonders interessant war dabei, dass die physische Nähe, die über die Sensoren gemessen wurde, positiv mit paranoidem Erleben assoziiert war. Das heißt: Je stärker die Crew auf engem Raum zusammenlebte, desto mehr begannen die Mitglieder, einander zu misstrauen.
Sebastian Walther: Konflikte nahmen insbesondere in den Monaten drei und sechs deutlich zu. Das fiel auch in den Zeitraum, in dem wir eine messbare Zunahme paranoider Erlebnisweisen feststellen konnten. Besonders beeindruckend war für uns, dass es einen Schwellenwert gibt, ab dem man von deutlich ausgeprägter Paranoia spricht — und dieser Schwellenwert wurde von einigen Personen tatsächlich erreicht oder überschritten. Das ist bemerkenswert, weil die Teams, die zur Überwinterung in die Antarktis geschickt werden, sehr sorgfältig ausgewählt werden. Das sind Menschen, die als besonders stabil und gesund gelten. Man geht davon aus, dass sie mit solchen Situationen gut zurechtkommen. Unsere Daten zeigen aber, dass das nicht zwingend der Fall ist. Nur weil jemand im Vorscreening völlig unauffällig erscheint, heißt das nicht, dass unter Extrembedingungen keine Wahrnehmungen oder Verhaltensweisen auftreten können, die sonst nicht auftreten würden. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Menschen krank sind. Aber solche Entwicklungen können Vorstufen einer Erkrankung sein.
Wissen wir aus der Forschung, ob psychoedukative Interventionen im Vorhinein das Risiko senken können, paranoide Ideen zu entwickeln?
Sebastian Walther: Das wissen wir so nicht, weil wir solche Situationen normalerweise kaum untersuchen können. Wir haben gute Daten zu Menschen, die bereits Symptome haben, und dort hilft Psychoedukation sehr gut. Dabei ist auch Emotionsregulation ist ein zentrales Thema. Aus der Forschung wissen wir, dass paranoides Erleben eher auftreten kann, wenn Menschen stark gestresst sind — etwa durch Schlafmangel, ein niedriges Selbstwertgefühl, Ohnmachtsgefühle oder ähnliche Belastungen. Die Situation in Expeditionen oder auf Missionen ist in dieser Hinsicht relativ ähnlich. Menschen haben plötzlich Schlafstörungen, erleben völlige Dunkelheit, Isolation und andere Belastungen. Was man aber weder in der Antarktis noch in einem Raumschiff einfach sagen kann, ist: Gehen Sie mal raus und machen Sie allein einen Spaziergang. Das, was wir Freundinnen und Freunden normalerweise raten würden, wenn es ihnen nicht gut geht, ist dort schlicht nicht möglich.
Gab es noch einen Effekt, der Sie sehr überrascht hat?
Sebastian Walther: Wir haben einen Effekt beschrieben: Ein Teil des Teams kam aus Frankreich, ein anderer Teil aus Italien. Mit zunehmender Dauer der Mission beschäftigten sich diese nationalen Grüppchen stärker untereinander. Das ließ sich auch statistisch nachweisen. Die Personen verbrachten innerhalb dieser Gruppen deutlich mehr Zeit miteinander. Das bedeutet: In einer solchen Situation suchen Menschen offenbar Gruppen, zu denen sie sich zugehörig fühlen. Die Ergebnisse der Studie könnten bei der Planung künftiger Missionen relevant werden, bei denen Menschen für längere Zeit auf engem Raum zusammenleben und keine Möglichkeit haben, sich wirklich voneinander zu entfernen — zum Beispiel in Militärlagern, auf U-Booten oder in Raumschiffen. Was wir dabei auf jeden Fall lernen, ist, dass man nonverbale Signale und das Verhalten solcher Crews und Teams monitoren sollte. Wenn sich Konflikte aufschaukeln, wäre es wichtig, möglichst früh Hilfe anbieten zu können — zum Beispiel durch Supervision von außen, entweder für das Team oder auch für einzelne Personen.
Das Interview führte Julina Pletziger.





