Neurologie und Psychiatrie » Psychosomatik

»

Kommunikation verstärkt die Wirkung von Ibuprofen

Kommunikation verstärkt die Wirkung von Ibuprofen

Aktuelles

Neurologie und Psychiatrie

Psychosomatik

4 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Dass Behandlungserwartungen der Patientinnen und Patienten den Therapieerfolg beeinflussen, wurde in vielen Studien, vor allem für Schmerzen, gezeigt. Eine Arbeitsgruppe um den Psychologen Prof. Sven Benson, Leiter des Instituts für Didaktik in der Medizin an der Medizinischen Fakultät/Universitätsklinikum Essen und Projektleiter im Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“ (A11), zeigt dies nun auch für Symptome, die man typischerweise während einer systemischen Entzündungsreaktion, etwa einem Infekt oder nach einer Impfung, empfindet.

Diese Studie belegt, dass Placeboeffekte auch bei Entzündungen den Nutzen aktiver Wirkstoffe steigern können. Für Behandelnde ist das eine wichtige Erkenntnis: Bereits geringe Veränderungen in der Kommunikation, mit denen eine Therapiemaßnahme positiv besetzt wird, können den Therapieerfolg deutlich steigern.

Therapieerwartungen beeinflussen Entzündungssymptome

Die wegweisende Studie zeigt: Therapieerwartungen beeinflussen Entzündungssymptome und die Wirkung des entzündungshemmenden Medikaments Ibuprofen während einer systemischen Entzündungsreaktion. Die 124 Probandinnen und Probanden erhielten am Experimentaltag eine niedrig dosierte immunaktivierende Substanz (LPS – Lipopolysaccharid), die immun-vermittelte Symptome während einer akuten Entzündungsreaktion hervorruft. Kombiniert wurde die LPS-Gabe entweder mit der Einnahme von Ibuprofen oder eines Placebos (Scheinmedikament). Hinzu kamen positive oder neutrale Informationen über die Behandlung.

„Sie werden 600 Milligramm Ibuprofen vor der Endotoxin-Injektion erhalten. Ibuprofen reduziert effektiv die Entzündungsreaktion und die Symptome wie Kopf- und Muskelschmerzen. Ibuprofen wurde in vorherigen experimentellen Studien mit einem sehr guten Effekt eingesetzt, um Krankheitssymptome zu lindern.“ Diese Informationen erhielten die Testpersonen in der positiven Kommunikations-Gruppe durch die Studienärztin Dr. Johanna Reinold.

Das Ergebnis der Studie von Prof. Benson und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Justine Schmidt zeigt, wie Behandelnde die positiven Erwartungseffekte konkret fördern können, denn diese positiven Informationen minderten die Krankheitssymptome effektiv zusätzlich zum Ibuprofen. Die neutrale Kommunikations-Gruppe erhielt dagegen Informationen wie „unsere Studie ist doppelblind und wir wissen nicht, ob Sie das Ibuprofen oder das Placebo bekommen“.

Allerdings zeigen sich durch die positive Kommunikation keine Effekte auf Marker wie Cortisol, das Adrenocorticotrope Hormon, Immunbotenstoffe (Zytokine), die Körpertemperatur und Herzfrequenz. Das lässt vermuten, dass die Erwartungseffekte primär durch andere Mechanismen wirken als beim direkten Einfluss des Medikaments auf die Immunantwort.

Große Bedeutung für viele Therapien

Bei vielen Krankheiten spielen Entzündungen eine Rolle, etwa bei Infektionen, aber auch bei neuropsychiatrischen Erkrankungen oder chronischen Schmerzen. Durch die Entzündung ausgeschüttete Botenstoffe aktivieren dabei nicht nur die Körperabwehr, sondern sie wirken auch auf das Gehirn. Immunvermittelte Symptome wie depressive Verstimmung, gesteigertes Schmerzempfinden, Müdigkeit oder unspezifische körperliche Beschwerden können die Folge sein. Gerade für Menschen, die unter chronischen Entzündungskrankheiten leiden, kann das eine große Belastung sein.

„Unsere Studienergebnisse bedeuten, dass Informationen, die von einer Ärztin oder einem Arzt auch zu einem weit verbreiteten Medikament wie Ibuprofen gegeben werden, die Wirksamkeit des Medikaments verstärken können“, zieht Prof. Benson das Resümee für die Arbeitsgruppe. Interessanterweise zeigte sich zudem, dass sich die Entzündungssymptome bei positiver Information bereits besserten, wenn faktisch kein wirksames Medikament gegeben wurde und dass dieser Effekt insbesondere für das psychische Wohlbefinden während der Entzündungsreaktion zu beobachten war.

„Das zeigt, dass wir dringend umdenken müssen bei medikamentösen Therapien. Denn wie wirksam eine Behandlung ist, hängt nicht nur von dem Wirkstoff ab, sondern auch von der Erwartungshaltung. Und zwar nicht nur in der Schmerztherapie, wo diese Effekte schon länger bekannt sind. Hier liegt ein großes, bislang wenig genutztes Potential für die Optimierung und Personalisierung von medizinischen Behandlungen“, erklärt die Neurologin und Leiterin der Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Essen Prof. Ulrike Bingel. Sie ist Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“ und forscht seit Jahrzehnten intensiv zu Placebo- und Noceboeffekten in der Medizin.

Quelle: (idw) Dr. Milena Hänisch, Universitsklinikum Essen

Zur Originalpublikation kommen Sie hier.

Bildquelle: © Lumos sp – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Tiefe Hirnstimulation bei der Parkinson-Krankheit

Fachbeitrag

Die Parkinson-Krankheit (PK) ist eine progrediente neurodegenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch einen Verlust dopaminerger Neurone gekennzeichnet ist.

Neurologie und Psychiatrie

Bewegungsstörungen

Parkinson-Krankheit

Beitrag lesen
frau_zwangsstoerungen

Vier Tage statt Monate: Kompakttherapie wirkt bei Zwangsstörungen

Aktuelles

Eine Psychotherapie muss bei Zwangsstörungen nicht zwingend über viele Monate hinweg stattfinden, um wirksam zu sein. Das zeigt eine randomisierte klinische Studie von Wissenschaftler:innen der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Zwangs- und Ticstörungen

Beitrag lesen

Tolebrutinib für SPMS ohne Schübe in den letzten 2 Jahren

Aktuelles

Mit Tolebrutinib (Cenrifki®) steht ab dem 1. Oktober 2026 in Deutschland eine neue Therapieoption für erwachsene Patient*innen mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) ohne Schübe in den letzten zwei Jahren zur Verfügung.

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Multiple Sklerose

Beitrag lesen