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Neues Forschungsprojekt zur Psychiatriegeschichte in der DDR

Altmodisches Wahltelefon, Symbolbild für Kommunikation in der DDR.

Quelle: stock.adobe.com - Jan

Neues Forschungsprojekt zur Psychiatriegeschichte in der DDR

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: neuro aktuell

Mit einem einzigartigen Quellenbestand erforscht ein Team der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Technischen Universität Dresden die Geschichte der Psychiatrie der DDR. Anhand von Tausenden Akten von Patientinnen und Patienten der früheren Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle wollen die Forschenden analysieren, wie Menschen mit Depressionen damals behandelt wurden und welche Rolle die Gemeinschaft dabei spielen sollte. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt mit rund 550.000 Euro.

In der DDR gab es lange Zeit keine Standards zur Behandlung depressiver Menschen. „Es fehlte an Medikamenten zur Behandlung von Depressionen. Neuere Methoden wie die Psychotherapie wurden vereinzelt in den 1980er Jahren etabliert“, sagt die Historikerin Prof. Dr. Silke Satjukow. Sie leitet gemeinsam mit dem Medizinhistoriker Prof. Dr. Florian Bruns von der TU Dresden das neue DFG-Projekt.

Außerdem seien Depressionen nicht mit dem Menschenbild des Staats vereinbar gewesen, so Satjukow:

„In der DDR wurde ein Menschentyp propagiert, der höchste Leistungen und eine außerordentliche Motivation an den Tag legt. Dazu passten depressive Menschen mit Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht.“


Die Konsequenz: Die Behandlung depressiver Menschen wurde der Historikerin zufolge zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt, das Umfeld der Betroffenen sollte helfen und im Alltag unterstützen. „In der DDR zählte es zu den gesellschaftlichen Erwartungen, dass sich die Gemeinschaft um ihre Mitglieder kümmert. Von der Familie bis über den Betrieb wurden viele Menschen direkt in die Krankengeschichte der Betroffenen eingeweiht und dazu aufgefordert, sie im Alltag zu halten. Auch wenn es wie eine relativ moderne Idee klingt, das soziale Umfeld einzubeziehen, kam die konkrete Umsetzung einer Fürsorgediktatur gleich“, so Satjukow.

Gemeinsam mit ihrem Team möchte die Historikerin mehr darüber erfahren, wie die Behandlung organisiert wurde und welche Rolle dabei Familienmitglieder oder Arbeitskolleginnen und -kollegen spielen sollten. Ausgewertet werden dafür die Akten der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle, die bis 1888 zurückreichen und für die DDR-Zeit vollständig vorliegen. Diese Akten wurden zuvor aufwändig restauriert, archivgerecht verpackt, um sie für die Forschung nutzbar zu machen. „Die Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle war aus mehreren Gründen besonders: Sie galt als äußerst modern und international gut vernetzt. Zugleich wurden hier Menschen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum behandelt – einerseits aus dem hochindustrialisierten Chemiedreieck, anderseits aus dem ländlichen Raum“, sagt Dr. Christian König vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der MLU, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist.

Anhand der Unterlagen – die von den Forschenden nur anonymisiert bearbeitet werden – will sich das Team zunächst einen Überblick verschaffen: Wer wurde in der Klinik in Halle wegen Depressionen behandelt? Waren es mehr Männer oder Frauen, junge oder alte Menschen, kamen sie eher aus der Stadt oder vom Land? Anschließend sollen die einzelnen Fälle detailliert aufgearbeitet werden. In die Forschung fließen auch die Analyse entsprechender Gesetze und Direktiven der Regierung ein sowie wissenschaftliche Fachbeiträge aus DDR-Zeiten zur Behandlung depressiver Menschen.

An dem Projekt sind zudem beteiligt die Sigmund Freud Privat-Universität Wien und das Universitätsarchiv der MLU.

Quelle: Pressemeldung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (idw, 7.1.26)

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