Neurologie und Psychiatrie » Psychische Erkrankungen » Allgemeine Aspekte

»

Wenn Essen eine Belastung ist – ARFID trifft auch Erwachsene

Wenn Essen eine Belastung ist – ARFID trifft auch Erwachsene

Aktuelles

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Allgemeine Aspekte

3 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Menschen mit der Essstörung ARFID schränken ihre Nahrungsaufnahme stark in Menge oder Vielfalt ein – das führt zu körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Die Erkrankung beginnt meist im Kindesalter und wurde bislang vor allem bei Kindern oder Personen mit Untergewicht untersucht. Eine neue Studie der Universitätsmedizin Leipzig zeigt nun: Auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht können an ARFID leiden. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlicht.

Für viele Menschen ist Essen mit Genuss verbunden – für Betroffene von ARFID (englisch: Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) jedoch häufig mit Angst, Stress oder Ekel. Die Erkrankung äußert sich durch die Ablehnung bestimmter Nahrungsmittel, etwa wegen Geruch, Konsistenz oder aus Angst vor dem Verschlucken oder Erbrechen. Auch ein stark vermindertes Interesse am Essen kann ein Anzeichen sein. Im Unterschied zu anderen Essstörungen wie der Magersucht spielt der Wunsch nach Gewichtsverlust keine Rolle. Dennoch ist das Risiko für Mangelernährung und Folgeerkrankungen ähnlich hoch.

Das Team um Dr. Ricarda Schmidt und Prof. Dr. Anja Hilbert erforscht ARFID seit Jahren an der Universitätsmedizin Leipzig. Es entwickelte unter anderem ein diagnostisches Interview zur Erkennung dieser Essstörung, das inzwischen weltweit verwendet wird. „Unsere aktuellen Ergebnisse zeigen, dass ARFID auch bei Erwachsenen mit höherem Körpergewicht vorkommt – wenn auch mit teils anders ausgeprägten Symptomen. Diese Patientinnen und Patienten brauchen eine spezifische Diagnostik und angepasste Behandlungsangebote“, sagt Dr. Ricarda Schmidt, Leiterin der Studie.

Symptome im klinischen Alltag häufig fehlgedeutet

Für die aktuelle Untersuchung wurden 369 Erwachsene online befragt, mit einem Teil wurde zusätzlich ein klinisches Interview durchgeführt. Dadurch konnten sowohl selbst berichtete Symptome als auch offizielle Diagnosen erfasst und in Bezug zu Körpergewicht und weiteren Gesundheitsmerkmalen gesetzt werden. Die Befragung ergab, dass 34 Prozent der Erwachsenen mit ARFID ein erhöhtes Körpergewicht aufwiesen. Diese Gruppe zeigte häufiger als Betroffene mit niedrigem Gewicht ein wählerisches Essverhalten, eine größere Alltagsbelastung und ein gesteigertes Risiko für Stoffwechselerkrankungen. Besonders auffällig: 100 Prozent der Betroffenen mit erhöhtem Gewicht gaben psychosoziale Beeinträchtigungen an – im Vergleich zu 65 Prozent derer mit Untergewicht.

ARFID bei höherem Körpergewicht wird oft übersehen

Ein bislang wenig beachteter Aspekt: Viele der befragten Personen mit höherem Gewicht gaben an, sich stark mit ihrer Figur und ihrem Gewicht zu beschäftigen. Diese Sorgen werden im klinischen Alltag jedoch häufig fehlgedeutet. „Gerade bei Menschen mit höherem Körpergewicht bleibt ARFID oft unerkannt, weil die Gewichtssorgen irrtümlich als Hinweis auf andere Essstörungen oder als Folge von Diätverhalten gewertet werden“, erklärt Schmidt. So bleibe eine zutreffende Diagnose oft aus – mit potenziell gravierenden Folgen für die Versorgung, meint die Wissenschaftlerin. Um das zu ändern, müsse die Diagnostik überarbeitet und medizinisches Fachpersonal sensibilisiert werden. Bestehende Screeningverfahren sollten um gewichtsunabhängige Erkennungsmerkmale ergänzt werden. Auch müssten Therapieansätze angepasst werden – psychotherapeutisch als auch pharmakologisch, empfehlen die Studienautorinnen.

„Mit unseren aktuellen Ergebnissen schließen wir eine wichtige Forschungslücke und erweitern das Verständnis der Erkrankung auf eine bislang kaum beachtete Gruppe“, sagt Schmidt, Wissenschaftlerin für Verhaltensmedizin. Folgeuntersuchungen zur Entstehung und Behandlung der Erkrankung sind an der Universitätsmedizin Leipzig bereits in Planung.

Quelle: Pressemeldung des Universitätsklinikum Leipzig (5.8.25)

Zur Originalpublikation kommen Sie hier.

Bildquelle: © Monkey Business – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Fatigue bei Multipler Sklerose

Fachbeitrag

Die Multiple Sklerose (MS) ist mit über 300.000 Betroffenen in Deutschland die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) und wird durch eine fehlgeleitete Immunreaktion autoreaktiver Zellen gegenüber den Myelinscheiden, aber auch den Axonen ausgelöst; zusätzlich spielen neurodegenerative Veränderungen eine Rolle.

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Multiple Sklerose

Beitrag lesen

Für eine schnelle und bessere Versorgung chronischer Schmerzpatienten

Aktuelles

Das Münchner Biopharmaunternehmen VERTANICAL hat heute den Abschluss einer Co-Promotion-Vereinbarung mit Viatris Inc. (Nasdaq: VTRS), einem global tätigen Gesundheitsunternehmen, zur Markteinführung von Exilby® in Deutschland bekannt gegeben. Gemeinsam wollen die Partner das Arzneimittel nach dem Marktstart am 01.09. in die Versorgung bringen.

Neurologie und Psychiatrie

Schmerz

Beitrag lesen

Charta der Rechte für eine lückenlose Versorgung bei Epilepsie

Aktuelles

Die „Charta der Rechte für eine lückenlose Versorgung bei seltenen und komplexen Epilepsien (The Rare and Complex Epilepsies Continuity of Care Rights Charter)“ wurde heute vorgestellt und unterstreicht die dringende Notwendigkeit einer besseren Versorgungskontinuität für Menschen, die mit seltenen und komplexen Epilepsien leben.

Neurologie und Psychiatrie

Epilepsie

Beitrag lesen