Harnwegsinfekte (Urinary Tract Infections, UTI) zählen zu den häufigsten bakteriellen Erkrankungen weltweit. Im Jahr 2019 wurden mehr als 400 Millionen Fälle erfasst [1], wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Insgesamt erkranken 40 – 60 % der erwachsenen Frauen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer UTI [2, 3]. Besonders belastend ist die hohe Rezidivrate, die mit der Infektion verknüpft ist. Bis zu 30 % der betroffenen Frauen erleiden innerhalb von zwölf Monaten erneut eine UTI [4].
Die Europäische Gesellschaft für Urologie (European Association of Urology, EAU) definiert eine rezidivierende Zystitis (Recurrent UTI, rUTI) als mindestens drei Episoden pro Jahr oder zwei Episoden innerhalb von sechs Monaten [5]. Klinisch relevant ist dabei die Unterscheidung zwischen einem Relaps – also dem Wiederauftreten desselben Erregers innerhalb von zwei Wochen nach Beendigung der Therapie [6] – und einer Reinfektion, die mehr als zwei Wochen später auftritt [5].
In einer Patientinnenbefragung zu unkomplizierten Harwegsinfekten (uUTI) gaben 69,3 % der Frauen an, dass rUTIs ihre Sexualität beeinflussen; 63,8 % berichteten von Schlafstörungen und 53,9 % von Einschränkungen im sozialen Leben [7].
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine UTI zählt unter anderem die sexuelle Aktivität, besonders bei wechselnden Partnern oder Nutzung von Spermiziden [8, 9]. Auch die Menopause und die damit assoziierten Veränderungen (Vulvovaginalatrophie, hormonelle Veränderungen und Wandel des urogenitalen Mikrobioms) können rUTIs begünstigen [9 – 12]. Auch eine vorausgegangene UTI innerhalb des letzten Jahres wurde in Studien als signifikanter unabhängiger Risikofaktor identifiziert [9, 10]. Wer einmal betroffen war, hat demnach ein mehr als doppelt so hohes Risiko für eine erneute Erkrankung [10].
Therapiespektrum
Die EAU empfiehlt, dass Patientinnen im Falle wiederkehrender UTI-Episoden über nicht antibiotische Maßnahmen, Risikofaktoren und Prophylaxe informiert werden sollen. Auf Basis einer gemeinsamen Entscheidungsfindung kann damit ein individuelles Vorgehen erarbeitet werden, bei dem nicht antibiotische Maßnahmen stets an erster Stelle stehen sollten [5]. Im Bereich der Prophylaxe thematisiert die EAU unter anderem:
- topische Östrogentherapie (besonders relevant für peri- und postmenopausale Frauen)
- Cranberry-Produkte (Proanthocyanidine, PACs) in Kombination mit erhöhter Flüssigkeitszufuhr
- probiotische Prophylaxe mit Lactobacillus spp.
- D-Mannose
Die Evidenzlage der Einzelmaßnahmen ist dabei unterschiedlich stark – von gut belegt bis widersprüchlich. Lassen sich Rezidive trotz konsequenter nicht antibiotischer Prophylaxe nicht vermeiden, empfiehlt die EAU als nächsten Schritt eine kontinuierliche niedrigdosierte oder postkoitale Antibiotikaprophylaxe [5].
Antibiotikatherapie
Die Gabe von Antibiotika bleibt bei der Behandlung bakterieller Harnwegsinfektionen nach wie vor ein unverzichtbarer Bestandteil der Therapie. Für die akute unkomplizierte Zystitis bei Frauen empfiehlt die EAU als orale Erstlinientherapie Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin und Pivmecillinam [5]. Doch der Druck auf diesen Therapiebaustein nimmt kontinuierlich zu – maßgeblich beeinflusst durch die anhaltend sehr hohe Verordnungsfrequenz.
Ambulante Versorgung als wichtige Stellschraube
Harnwegsinfektionen sind – gemeinsam mit Atemwegsinfektionen – ein zentraler Treiber für Antibiotikaverordnungen. In Europa kommt es allein aufgrund von akuten Atemwegsinfektionen zu mehreren hundert Millionen Konsultationen ärztlichen Fachpersonals pro Jahr – häufig im ambulanten Bereich [14, 15]. Entsprechend erhöhen Fehlentscheidungen in diesem Bereich und dieser frühen Phase das Risiko für Resistenzentwicklung, Komplikationen und vermeidbare Hospitalisierungen [16, 17].
„Die Regel lautet, so schmalspektrumantibiotisch wie möglich zu therapieren, da jedes Breitspektrumantibiotikum das Risiko größerer Kollateralschäden für das Mikrobiom birgt und zudem die Resistenzentwicklung fördern kann [18].“
Prof. Dr. Florian Wagenlehner, Universitätsklinikum Gießen
Um die Wirksamkeit vorhandener Therapien zu erhalten, ist der gezielte Einsatz von Reserveantibiotika entscheidend – in Deutschland dient der sogenannte Reservestatus als zentrales Instrument, um innovative Antibiotika verfügbar zu halten und ihren Einsatz zu steuern [19]. Parallel dazu muss die Entwicklung gänzlich neuer Wirkstoffe vorangetrieben werden. Medizinisch ist dies zwar dringend nötig; wirtschaftlich gesehen ist es jedoch hochgradig anspruchsvoll.
„Antimikrobielle Resistenzen erfordern […] echte Innovationsanreize: Ohne […] sogenannte Pull-Mechanismen, wird es nicht gelingen, dringend benötigte neue Antibiotika zu entwickeln und dauerhaft verfügbar zu machen […] [18].“
Timo Jäger, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung
Einblick in die Forschung
Ein positives Beispiel für die erfolgreiche Grundlagenforschung zu antimikrobiellen Wirkstoffen lieferten Forschende der Universitäten Hamburg, Ontario und Chicago. Sie isolierten mithilfe von verbesserten Fraktionierungsmethoden ein zyklisches Depsipeptid-Antibiotikum namens Manikomycin aus Streptomyces rimosus – bekannt als Produzent von Oxytetracyclin [20]. Es wirkt gegen multiresistente Enterobacteriaceae und ist gegenüber bekannten klinischen Resistenzmechanismen nicht anfällig.
Die Forschenden betonen zwar, dass die Wirksamkeit des Depsipeptids noch optimiert werden müsse, es jedoch grundsätzlich ein wichtiger Hinweis darauf sei, dass sogar gut erforschte Mikroorganismen, wenn man sie mit verbesserten Fraktionierungsmethoden neu betrachtet, durchaus neue chemische Grundstrukturen mit bisher unbekannten Wirkmechanismen liefern können [20].
Neue Therapieansätze
Angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen gewinnen auch weitere Therapieansätze an Bedeutung, so beispielsweise die Phagentherapie [21].
Das im Juni 2026 gestartete internationale Forschungsprojekt RE-PhRAME, koordiniert von der Universitätsmedizin Frankfurt, erprobt erstmals im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie einen zweistufigen Therapieansatz gegen rezidivierende Harnwegsinfektionen. Das Konsortium aus 16 Partnern in acht europäischen Ländern wird mit 15 Millionen Euro aus dem Horizon-Europe-Programm gefördert [21].
Aktuelles zur antibiotischen Behandlung der akuten unkomplizierten Zystitis bei Frauen
Eine aktuelle Studie, die Wirksamkeit und Sicherheit der drei empfohlenen Antibiotika bei Frauen mit Harnwegsinfektionssymptomen direkt verglichen hat, zeigte, dass Nitrofurantoin die klinisch und bakteriologisch wirksamste Therapieoption war, während Fosfomycin als Einzeldosis am schlechtesten abschnitt [13]. Die Autorenschaft schlussfolgert, dass die Rolle von Fosfomycin als Erstlinientherapie bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen kritisch neu bewertet werden sollte.
„Die Phagentherapie ist eine der vielversprechendsten Antworten auf die wachsende Herausforderung durch multiresistente Erreger […].“
Prof. Dr. Jürgen Graf, Universitätsmedizin Frankfurt
In der Studie kommt SNIPR001 zum Einsatz, ein CRISPR-basierter Phagencocktail, der gezielt gegen bestimmte Stämme von Escherichia coli vorgeht [21]. Die Studie vergleicht alleinige Phagentherapie, Phagentherapie in Kombination mit Antibiotika und Phagentherapie mit anschließender Mikrobiom-Wiederherstellung [21]. Laut Prof. Dr. Maria Vehreschild, Gesamtverantwortliche des Projekts, soll das Forschungsprojekt die Phagentherapie von einem vielversprechenden Forschungsansatz zu einer klinisch erprobten Behandlungsoption machen.
Anne Göttenauer, Nina Hoffmann
Literatur unter https://mgb-medizin.de/literatur/





