Diabetologie » Diabetes in der Schwangerschaft

»

Wie Übergewicht der Mutter das Stoffwechselrisiko der Kinder prägt – Neue Einblicke aus Bonn

Symbolbild, übergewichtige schwangere Frau sitzt mit Händen auf Ihrem Bauch

Wie Übergewicht der Mutter das Stoffwechselrisiko der Kinder prägt – Neue Einblicke aus Bonn

Diabetologie

Diabetes in der Schwangerschaft

3 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Eine aktuelle Studie der Universität Bonn liefert neue Erkenntnisse darüber, warum Kinder übergewichtiger Mütter häufig ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselstörungen wie Fettleber oder Diabetes entwickeln – selbst dann, wenn sie sich später gesund ernähren. Die Ergebnisse, die jetzt in Nature veröffentlicht wurden, zeigen erstmals einen molekularen Mechanismus, der bereits während der Embryonalentwicklung entscheidend geprägt wird.

Im Fokus der Untersuchung standen die sogenannten Kupffer-Zellen, spezialisierte Makrophagen in der Leber. Diese Immunzellen übernehmen nicht nur Abwehrfunktionen, sondern steuern als „Dirigenten“ auch die Funktion der Leberzellen. Die Forschenden um Prof. Dr. Elvira Mass vom LIMES-Institut der Universität Bonn konnten zeigen: Bei Nachkommen fettleibiger Mäuse werden Kupffer-Zellen bereits im Mutterleib durch Stoffwechselprodukte der Mutter umprogrammiert. Diese „Umprogrammierung“ verändert die Signalgebung der Zellen so, dass die Leber der Jungtiere vermehrt Fette aufnimmt – mit der Folge, dass sich schon kurz nach der Geburt eine Fettleber entwickelt.

HIF1α als molekularer Schalter und therapeutischer Ansatzpunkt

Besonders bemerkenswert ist die Identifikation des Transkriptionsfaktors HIF1α (Hypoxia-Inducible Factor 1-alpha) als zentralen molekularen Schalter in diesem Prozess. Wird HIF1α gezielt in den myeloiden Zellen ausgeschaltet, entwickeln die Nachkommen trotz mütterlicher Adipositas keine Fettleber. Damit rückt HIF1α als möglicher therapeutischer Angriffspunkt in den Fokus zukünftiger Forschung.

Kupffer-Zellen als Vermittler – Parakrine Signalwege im Visier

Die Studie belegt, dass umprogrammierte Kupffer-Zellen über parakrine Faktoren die Leberzellen zur vermehrten Lipidaufnahme anregen. Im Mausmodell konnte durch gezielte Depletion und Re-Population der Kupffer-Zellen der Fettleber-Phänotyp beeinflusst werden. Dies unterstreicht die kausale Rolle der Kupffer-Zellen als „fehlgeleitete Dirigenten“ in der Entwicklung der Fettleber.

Metabolomik und Biomarker-Potenzial

Die Forschenden analysierten zudem das Metabolom der Nachkommen und fanden spezifische Veränderungen, wie einen erhöhten Glutamin/Glutamat-Quotienten. Solche Metaboliten könnten künftig als frühe Biomarker für ein erhöhtes Risiko dienen, das durch mütterliche Adipositas vermittelt wird.

Relevanz für die DOHaD-Forschung und therapeutische Perspektiven

Die Arbeit bestätigt und erweitert das Konzept der „Developmental Origins of Health and Disease“ (DOHaD) um einen konkreten zellulären Mechanismus: Yolk-sac-abstammende Kupffer-Zellen fungieren als intergenerationelle Boten, die mütterliche Stoffwechselsignale speichern und lebenslang die Leberfunktion der Nachkommen beeinflussen. Im Mausmodell war die Umprogrammierung der Kupffer-Zellen und die Entwicklung der Fettleber durch gezielte Eingriffe sogar reversibel – ein Hinweis auf ein mögliches therapeutisches Fenster.

Fazit für Diabetologinnen und Diabetologen

Die Studie liefert nicht nur einen neuen Mechanismus für die Entstehung kindlicher Fettleber und metabolischer Störungen, sondern identifiziert mit HIF1α auch einen möglichen therapeutischen Angriffspunkt. Sie unterstreicht die Bedeutung der maternalen Stoffwechsellage und könnte langfristig die Prävention und Therapie bei Kindern aus Risikofamilien entscheidend beeinflussen.

An der Studie waren neben der Universität Bonn auch das DZNE sowie die Universitäten Wien, Ghent und Shanghai beteiligt. Gefördert wurde die Arbeit unter anderem von der DFG, dem ERC und weiteren Organisationen.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Grafik mit einem schwarzen Männchen, der zwischen aufgestellten Holzsteinen steht und die Kettenreaktion aufhält.

Prädiabetes erkennen und das Präventionsfenster gezielt nutzen

Aktuelles

Prädiabetes ist nicht gleich Prädiabetes: Neue Daten unterstreichen den Nutzen einer individuellen Risikostratifizierung und intensivierter Lebensstilintervention bei Hochrisikopersonen.

Diabetologie

Prädiabetes

Beitrag lesen
Ein Arzt hakt das obere von zwei Kästchen ab.

Personalisierte Prävention: Epigenetische Marker als künftige Orientierung

Aktuelles

Könnten epigenetische Merkmale erklären, warum Menschen unterschiedlich stark von gesunder Ernährung profitieren? Eine EPIC-Potsdam-Analyse liefert dazu erste Hinweise – und zeigt zugleich, warum die Ergebnisse noch nicht praxisreif sind.

Diabetologie

Typ-2-Diabetes

Beitrag lesen
Eine Auswahl an gesunden Lebensmitteln liegt auf einem Tisch.

Gesunde Ernährung: Kein einzelnes Muster verlangsamt das biologische Altern

Aktuelles

Mediterran, DASH oder pflanzenbetont: Eine Studie aus zwei deutschen Kohorten zeigt, dass verschiedene gesunde Ernährungsweisen mit langsamerem epigenetischem Altern verbunden sind. Für die diabetologische Beratung spricht dies für individuelle, alltagstaugliche Ernährungskonzepte statt einer vermeintlich perfekten Diät.

Diabetologie

Ernährung und Diabetes

Beitrag lesen