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ATTR-Kardiomyopathie: Frühzeitige interdisziplinäre Diagnostik rettet Leben

Illustration: Interdisziplinäres Team aus Ärzten und Pflegepersonal fügt Puzzleteile zusammen – Symbol für die Zusammenarbeit von Neurologie, Kardiologie und weiteren Fachrichtungen bei der Früherkennung der ATTR-Amyloidose

Quelle: © YummyBuum – stock.adobe.com

ATTR-Kardiomyopathie: Frühzeitige interdisziplinäre Diagnostik rettet Leben

Fachbeitrag

Kardiologie

Amyloidose

mgb medizin Redaktion

Verlag

9 MIN

Erschienen in: herzmedizin

Die Transthyretin-Amyloidose (ATTR) ist eine komplexe systemische Erkrankung, die häufig zu spät erkannt wird – mit gravierenden Folgen für die Prognose der Betroffenen. Während neurologische Symptome wie Polyneuropathien oder Karpaltunnelsyndrome oft den ersten Kontakt zur medizinischen Versorgung darstellen, bleibt die kardiale Beteiligung häufig unentdeckt. Dabei ist gerade die Herzbeteiligung entscheidend für den Krankheitsverlauf. Dieser Artikel beleuchtet, wie Neurologinnen und Neurologen durch gezielte Aufmerksamkeit für kardiale „Red Flags“ eine Schlüsselrolle in der Früherkennung spielen und damit den Weg für lebensrettende Therapien ebnen können.

Was ist die Transthyretin-Amyloidose (ATTR)?

Die Transthyretin-Amyloidose (ATTR) ist eine fortschreitende, systemische Erkrankung, die durch die Ablagerung fehlgefalteter Transthyretin-Proteine (TTR) in verschiedenen Organen gekennzeichnet ist. Je nach genetischer Form, hereditär (ATTRv) oder Wildtyp (ATTRwt), und individueller Krankheitsausprägung kann die Symptomatik sehr unterschiedlich sein [1].

Früh im Krankheitsverlauf stehen bei vielen Patientinnen und Patienten neurologische Beschwerden im Vordergrund, insbesondere in Form sensomotorischer Polyneuropathien, vegetativer Dysfunktionen oder Karpaltunnelsyndromen [2]. Diese Beschwerden führen häufig zunächst in die neurologische Sprechstunde. Demgegenüber bleibt die kardiale Beteiligung, die für den Krankheitsverlauf und die Prognose jedoch von zentraler Bedeutung ist, häufig über längere Zeit unerkannt oder wird fälschlich anderen, häufigeren Krankheitsbildern wie hypertensiver Herzerkrankung, diastolischer Herzinsuffizienz oder hypertropher Kardiomyopathie zugeschrieben. Ein solcher diagnostischer Irrweg kann wertvolle Zeit kosten, da sich gerade bei kardialer Manifestation die Prognose bei ausbleibender Behandlung deutlich verschlechtert.

Die Schlüsselrolle der Neurologie

Für Neurologinnen und Neurologen ergibt sich hier eine Schlüsselrolle: Durch die initiale Vorstellung der Patientinnen und Patienten mit peripher-neurologischen oder autonomen Symptomen bietet sich die Möglichkeit, über ein gezieltes Erkennen begleitender kardialer Hinweise eine frühzeitige Verdachtsdiagnose und die Weichen für eine interdisziplinäre Abklärung zu stellen.

Ein geschärfter klinischer Blick für die systemische Natur der ATTR-Erkrankung, jenseits der neurologischen Manifestationen, kann somit entscheidend dazu beitragen, kardiale Verläufe rechtzeitig zu erkennen und die heute verfügbaren krankheitsmodifizierenden Therapien optimal zur Anwendung zu bringen.

Frühe Hinweise auf eine kardiale ATTR

Typische neurologische Erstsymptome

Typische neurologische Erstsymptome bei der varianten ATTR (ATTRv) oder auch bei der Wildtyp-Form (ATTRwt) sind:

  • Distal betonte Dysästhesien
  • Gangunsicherheit
  • Autonome Symptome wie orthostatische Hypotonie
  • Gastrointestinale Dysregulation

Diese Symptome führen häufig zu einer Vorstellung in der Neurologie und bieten somit eine entscheidende Chance zur Erkennung kardialer Komorbidität.

Red Flags der kardialen Beteiligung

Folgende Red Flags weisen auf eine kardiale Beteiligung hin, und sollten bei neurologischen Patienten gezielt erfragt oder untersucht werden (▶ Abb. 1):

  • Belastungsdyspnoe oder eingeschränkte Belastbarkeit ohne klare pulmonale Ursache
  • Unklare Synkopen oder Schwindel bei Positionswechsel
  • Herzrhythmusstörungen (v. a. Vorhofflimmern)
  • Niedervoltage im EKG trotz linksventrikulärer Hypertrophie im Echo
  • Bilaterales Karpaltunnelsyndrom in der Anamnese

Diese Befunde weisen auf eine Amyloid-Kardiomyopathie hin, die bei ATTR-Patientinnen und Patienten häufig zunächst „stumme“ kardiale Veränderungen zeigt, bevor sich manifeste Symptome entwickeln [1].

Infografik: Kardiale Red Flags der ATTR-Amyloidose – Warnsignale wie Polyneuropathie, Karpaltunnelsyndrom, erhöhte Troponinwerte und Herzwanddicke ≥12 mm im Überblick

Abb. 1: Red Flags der kardialen Amyloidose.

Die Rolle der Neurologie im interdisziplinären Setting

Zentrale Position in der Diagnostik

Neurologinnen und Neurologen nehmen eine zentrale Rolle in der Diagnostik und Früherkennung der ATTR ein, insbesondere, wenn sich die Erkrankung initial durch sensomotorische oder autonome Symptome äußert. In vielen Fällen suchen Patientinnen und Patienten mit diffuser Polyneuropathie, Gangunsicherheit, Karpaltunnelsyndromen oder orthostatischer Dysregulation zunächst eine neurologische Praxis auf. Diese erste Anlaufstelle bietet eine entscheidende Gelegenheit, über den rein neurologischen Befund hinaus auf eine mögliche Beteiligung des Herzens zu achten.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Erfolgsschlüssel

In spezialisierten Amyloidosezentren zeigt sich immer wieder, dass die Diagnose häufig auf neurologischem Wege angestoßen wird, während sich kardiale Manifestationen, wie diastolische Dysfunktion, Arrhythmien oder unklare Herzinsuffizienzsymptome, oft erst im weiteren Verlauf manifestieren oder retrospektiv als Teil der initialen Symptomatik erkannt werden. Ein vorausschauendes Denken und systematische Erfassung von Symptomen und Red Flags ist daher essenziell.

Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Kardiologie, Hämatologie, Humangenetik und Nuklearmedizin ist dabei unerlässlich. Während die Neurologie häufig den diagnostischen Impuls liefert, erfolgt die weiterführende Abklärung, etwa durch kardiale Bildgebung, Biomarker-Analysen und genetische Testung. Diese sektorübergreifende Kooperation ermöglicht eine rasche Diagnosesicherung und einen frühzeitigen Therapiebeginn, der angesichts der progressiven Natur der ATTR-Erkrankung entscheidend für den langfristigen Verlauf ist.

Praktische Implikationen für die neurologische Praxis

Für die neurologische Praxis bedeutet dies: Das Bewusstsein für ATTR sollte bei unklaren Polyneuropathien, autonomen Symptomen oder bei einer entsprechenden Familienanamnese geschärft sein und ergänzt werden durch gezielte Rückfragen zu:

  • Kardialen Beschwerden
  • Synkopen
  • Rhythmusstörungen

Nur wenn die Muster („pATTRns“) erkannt werden, kann der Weg in eine zielgerichtete, multidisziplinäre Diagnostik und Therapie geebnet werden.

Empfohlene diagnostische Schritte bei Verdacht auf ATTR-Amyloidose mit kardialer Beteiligung

Bei Verdacht auf ATTR-Amyloidose mit kardialer Beteiligung werden folgende diagnostische Schritte empfohlen [1]:

  1. Klinische Abklärung neurologischer und vegetativer Symptome
  2. Ruhe-EKG und Echokardiographie (v. a. diastolische Funktion, Wanddicke, Strain-Muster)
  3. Labor (NT-proBNP, Troponin) als Screeningparameter
  4. DPD-Skelettszintigraphie zur Detektion kardialer Amyloidablagerungen
  5. TTR-Genanalyse zur Differenzierung zwischen ATTRv und ATTRwt

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