Die optische Kohärenztomographie (OCT) kann über hochauflösende Messungen der Netzhaut präzise Einblicke in den Zustand des zentralen Nervensystems für die Neurologie liefern. Die Messungen hinsichtlich des Verlusts von Nervenfasern (pRNFL) und Glanglienzellen (GCIPL) lassen Rückschlüsse zu, auch wenn noch keine klinischen Symptome vorliegen.
Eingesetzt werden kann die OCT im Bereich von Multipler Sklerose (MS), Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) und MOG-Enzephalomyelitis (MOGAD) beispielsweise als Unterstützung für die Optikusneuritis, wie PD Dr. Joachim Havla, München, aufzeigte. Diese betrifft rund 50 % der MS-Betroffenen. Ein fortschreitender Verlust von Ganglienzellen korreliert auf Kohortenebene zudem mit einer allgemeinen Hirnatrophie und dem Behinderungsgrad. Die Verlaufsmessung von pRNFL und GCIPL ermöglicht zudem die Quantifizierung retinaler Veränderungen über die akute Optikusneuritis hinaus, schloss der Experte. Auch im Epilepsie-Management könnte die OCT als nicht-invasive, sensitive und beliebig wiederholbare Anwendung ergänzende Informationen liefern, fügte PD Dr. med. Elisabeth Kaufmann, München, an. Bisher lässt sich die Erkrankung auf Basis des eher unzuverlässigen Anfallskalenders und der unidimensionalen Zusatzdiagnostik mit EEG, Neuropsychologie und cMRT nur insuffizient abbilden. Da jedoch auch bei Epilepsie ein ausgedehnter retinaler neuroaxonaler Verlust zu verzeichnen ist und dieser die zerebrale Atrophie reflektiert, bietet sich die OCT als zusätzliches Messinstrument an. Inzwischen konnte zudem nachgewiesen werden, dass die Anzahl und Art der anfallssuppressiven Medikamente den neuroaxonalen Verlust bestimmt und Patientinnen und Patienten mit tonisch-klonischen Anfällen am stärksten betroffen sind. PD Dr. med. Sonja Schönecker, München, befasste sich mit der OCT bei neurodegenerativen Erkrankungen, deren Prävalenz deutlich zunimmt. Die Herausforderung besteht darin, dass ähnliche klinische Symptome unterschiedliche Pathologien abbilden können. Um die Erkrankung, ihr Stadium sowie die Progression objektiv erfassen zu können, bedarf es daher effektiver Biomarker. Bei Alzheimer-Krankheit wird eine Abnahme von pRNFL, mGCC und mORL im gesamten Makulavolumen beobachtet, sodass die OCT longitudinale Veränderungen bereits früh im Krankheitsverlauf detektieren könnte. Auch bei der Parkinson-Krankheit bestehen Hinweise auf eine Assoziation mit dem klinischen Schweregrad und der demenziellen Entwicklung. Bei der amyotrophen Lateralsklerose konnten hingegen bislang keine Vorteile aufgewiesen werden, schloss die Expertin.
Leoni Burggraf
Quelle: Wissenschaftliches Symposium „Die Untersuchung des neurovisuellen Systems: OCT als klinische Routine in der Neurologie“ am 05. November 2026, im Rahmen des DGN-Kongress in Berlin





