Neurologie und Psychiatrie » Neuromuskuläre Erkrankungen » Amyotrophe Lateralsklerose

»

Frontotemporale Spektrums-Störungen bei ALS (ALS-FTSD)

3D-Illustration des menschlichen Gehirns mit hervorgehobenem Frontallappen bei ALS-FTSD

Quelle: Art_spiral - stock.adobe.com

CME

Frontotemporale Spektrums-Störungen bei ALS (ALS-FTSD)

Fachbeitrag

Neurologie und Psychiatrie

Neuromuskuläre Erkrankungen

Amyotrophe Lateralsklerose

mgb medizin Redaktion

Verlag

14 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine Multisystemdegeneration, die primär das pyramidal-motorische System betrifft. Darüber hinaus sind auch extramotorische Hirnregionen, darunter Basalganglien, Kleinhirn sowie insbesondere Frontal- und Temporallappen, in den neurodegenerativen Prozess einbezogen. Das Ausmaß der TDP-43-Ablagerungen in diesen Strukturen bestimmt die Ausprägung klinischer Funktionsdefizite. Diese manifestieren sich vor allem in Form von Kognitions- und Verhaltensstörungen und werden unter der Bezeichnung ALS-frontotemporale Spektrumerkrankungen (ALS-FTSD) zusammengefasst [1]. Hierzu zählen milde Formen der Kognitions- und/oder Verhaltensbeeinträchtigung („fronto-temporales Syndrom“) ebenso wie das Zusammengehen der ALS mit einer frontotemporalen Demenz (FTD).

Die Hälfte aller betroffenen Personen weist keine Kognitions- und Verhaltensstörungen auf, und nur 15 % aller Fälle von FTD sind mit einer ALS assoziiert. Die FTD ist kein Endpunkt, den jeder ALS-Patient erreicht, der ausreichend lange mit der Lähmungserkrankung lebt. Wäre dem so, müssten alle langzeitbeatmeten ALS-Patienten dement sein. Stephen Hawking (1942–2018), der seit seinem 20. Lebensjahr an einer ALS litt, war auch nach 56 Krankheitsjahren nicht dement.

Über die Determinanten, die darüber bestimmen, dass die eine Hälfte der ALS-Patienten Kognitions- und Verhaltensstörungen hat, die andere nicht, wissen wir bei den nicht-genetischen Formen (90 %) wenig. Bezogen auf die genetischen Formen (10 %) können die meisten ALS-verursachenden Gene auch eine FTD verursachen, voran das C9orf72-Gen [2]. Andere Gene, wie FUS und SOD1, führen zu einer ALS, aber selten oder so gut wie nie zu einer FTD [3, 4]; wieder andere zu einer FTD, aber zu keiner ALS (MAPT, GRN). Es handelt sich bei der ALS-FTD somit um ein Spektrum, an dessen einem Ende sich die ALS befindet als rein motorische Erkrankung (ohne FTD), am anderen die FTD als reine Verhaltens- oder Sprachvariante (ohne ALS). Der molekulargenetische Zusammenhang zwischen diesen beiden Polen stellt sich über das pathologisch veränderte Protein TDP-43 [5] und das mutierte Gen C9orf72 [6, 7] her.

Ein vertieftes Verständnis der Resilienzmechanismen innerhalb der frontotemporalen Netzwerke, die ALS-Patienten vor Kognitions- und Verhaltensstörungen schützen, könnte wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze eben dieser Kognitions- und Verhaltensstörungen bei der ALS liefern. Vor diesem Hintergrund erscheint die ALS als eine für wissenschaftliche Zwecke in besonderem Maße geeignete Modellerkrankung der kognitiven Neurologie.

Geschützte Inhalte gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG)

Die Inhalte dieser Seite unterliegen dem Heilmittelwerbegesetz (HWG) und sind daher nur nach Anmeldung zugänglich. Bitte loggen Sie sich ein, um auf alle geschützten Informationen, Materialien und das exklusive E-Paper zugreifen zu können.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Tolebrutinib für SPMS ohne Schübe in den letzten 2 Jahren

Aktuelles

Mit Tolebrutinib (Cenrifki®) steht ab dem 1. Oktober 2026 in Deutschland eine neue Therapieoption für erwachsene Patient*innen mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) ohne Schübe in den letzten zwei Jahren zur Verfügung.

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Multiple Sklerose

Beitrag lesen

DPtV stellt neue Filmreihe zu psychischen Erkrankungen vor

Aktuelles

Die DPtV veröffentlicht eine Filmreihe, die beispielhaft Einblick in die Erfahrungen von Menschen gibt, die psychotherapeutische Hilfe suchen. Die Filme zeigen, womit Menschen in eine Psychotherapie kommen: Belastungen, die soziale Beziehungen, Arbeit, Schule und den gesamten Alltag bestimmen können, und die Chance auf Veränderung und Teilhabe, die eine Behandlung eröffnet

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Allgemeine Aspekte

Beitrag lesen

Schlaf als Schlüssel für Gesundheit, Produktivität und Karriere

Aktuelles

Wie viel Schlaf braucht der Mensch, um gesund, kreativ und leistungsfähig zu bleiben? Welche Folgen haben Schlafstörungen für Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesundheitssystem? Und welchen Beitrag können moderne Diagnostik, Digitalisierung und Prävention leisten? Antworten auf diese Fragen gibt die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) vom 5. bis 7. November 2026 in Wiesbaden.

Neurologie und Psychiatrie

Schlaf

Beitrag lesen